Die Bedeutung nachwachsender Rohstoffe für ökonomische Faktoren und sozialen Wandel in ausgesuchten Regionen der Erde

Das Projekt BioTrade untersucht die ökonomische, ökologische und soziale Nachhaltigkeit in Produktion und Handel von biogenen Gütern. Das zentrale Anliegen ist, die Entwicklung unterschiedlicher Faktoren, welchen eine bedeutende Rolle für den gesellschaftlichen Wandel zukommt, zu prognostizieren.

Der Handel mit natürlichen nachwachsenden Ressourcen gepaart mit technischen Innovationen hat in der Welthistorie schon einmal zu großen gesellschaftlichen Veränderungen geführt. Im Zuge der mechanischen Verarbeitung von Baumwolle wurden weltweite Handelsnetze gespannt, Großfabriken und riesige Baumwollplantagen angelegt. Eine große Anzahl europäischer Kleinstbauern wurde im Zuge eines stetigen Gesellschaftswandels zu spezialisierten Mitarbeitern von industriellen Unternehmungen, von Selbstversorgern zu Facharbeitern. In vielen (ehemaligen) europäischen Kolonien wurde fruchtbares Land dem Zugriff der ursprünglichen Einwohner entzogen. Die so gewonnenen Anbaugebiete wurden mit Hilfe versklavter Arbeitskräfte betrieben, gerade um auf durchrationalisierten Baumwollfarmen kostengünstig zu produzieren. Der wirtschaftliche Aufschwung und die Effizienzgewinne dieser Zeit sind letztlich als kausale Ursache für große Veränderungen der damaligen gesellschaftlichen Ordnung zu bezeichnen (vgl. Beckert (2014)).

Im 20. Jahrhundert spielten erschöpfliche natürliche Ressourcen wie Kohle und Öl die entscheidende Rolle im Welthandel. Das teils äußerst günstige Öl machte frühere Bemühungen zur Energieeffizienz obsolet, ermöglichte zudem eine landwirtschaftliche Revolution und eine bis dahin nicht zu realisierende individuelle Mobilität. Gegen Ende des Jahrhunderts traten dann jedoch auch die negativen Auswirkungen der ungebremsten Nutzung fossiler Ressourcen zu Tage. Ökologische Auswirkungen wie die Klimaerwärmung, ökonomische Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Ländern sowie gesellschaftliche Konsequenzen des oft zitierten „Ressourcenfluches“ (Sachs and Warner (2001)) bewirkten, dass viele Staaten eine mittelfristige Unabhängigkeit von fossilen Ressourcen anstreben.

Sehr viele Staaten haben bereits im Vorfeld der im Dezember 2015 stattfindenden Klimaverhandlungen in Paris individuelle Aktionen zur Vermeidung von Treibhausgasen angekündigt (vgl. Gütschow et al. (2015)). Da jedoch gerade im Hinblick auf aufstrebende Wirtschaftsnationen wie China oder Indien nicht mit einer weltweiten Suffizienz-Bewegung gerechnet werden kann, werden große Hoffnungen in die Entwicklung einer nachhaltigen Bioökonomie gesetzt. Bioökonomie wird als eine Wirtschaftsform begriffen, welche sich auf erneuerbare Ressourcen stützt. Die darin enthaltenen Wirtschaftsbereiche werden dabei teilweise sehr unterschiedlich abgegrenzt, aber in der Regel werden der Bioökonomie die Nahrungsmittelversorgung, die Erzeugung Erneuerbarer Energien und die Nutzung von Biomasse als Werkstoffe und chemische Grundstoffe zugerechnet. Biomasse und die darauf basierenden Verwendungsbereiche (bio-based industries) nehmen in der Bioökonomie eine wichtige Sonderrolle ein, da eine Nachhaltigkeitsbewertung dieser nur unter Beachtung der damit zusammenhängenden Land- und Wassernutzung möglich ist. Nur im Energiesektor wird Biomasse durch die Stromerzeugung aus den weitgehend freien Gütern Sonne, Wind, Wasserkraft und Geothermie ergänzt.

Ähnlich der historischen Entwicklung in der Textilherstellung wird in der Bioökonomie angestrebt, dass bekannte nachwachsende Werkstoffe durch den Einsatz neuer Technologien neue Bedeutung erlangen. Mittelfristig kann Biomasse fossile Ressourcen ersetzen und neue Chancen der ökonomischen Wertschöpfung generieren, wobei aber gerade alle drei Aspekte der Nachhaltigkeit erfüllt werden sollen. Neben der ökologischen Nachhaltigkeit, welche das erklärte Ziel der internationalen Bemühungen ist, der ökonomischen Nachhaltigkeit, ohne die die Bioökonomie nicht erfolgreich sein kann, ist gerade auch die soziale Nachhaltigkeit der Bioökonomie entscheidend. Unter der sozialen Nachhaltigkeit ist zu verstehen, dass die mit der Bioökonomie einhergehenden Veränderungen die Lebensbedingungen der Gesellschaft auf heutigem Niveau garantieren oder verbessern. Zudem sollten staatliche Bemühungen nicht ohne Bürgerbeteiligung konzipiert werden. Gerade da die biobasierte Branche in Deutschland schon im Jahr 2007 fünf Millionen Arbeitnehmer beschäftigte (vgl. Efken et al., 2012), ist eine große Sensibilität bei neuen staatlichen Eingriffen erforderlich. Auch wie durch nationale Fördermaßnahmen gesetzte Anreize auf die internationale Produktion von Biomasse wirken, bedarf weiterer Forschungsbemühungen. Ob bzw. unter welchen Bedingungen politische Eingriffe zur Förderung der Bioökonomie tatsächlich eine umfassende Nachhaltigkeit garantieren, sollte für wichtige Handelsgüter explizit untersucht werden. Unsere Forschungsarbeit soll einen Beitrag zu diesen Bemühungen liefern, um objektive Informationen für möglicherweise entstehende Diskussionen zu liefern (vgl. Teller-Tank Diskussion bzgl. der Nutzung von Biodiesel) Gerade Palmöl aus Indonesien hat gezeigt, dass fehlerhafte Förderkonzipierung zur Sicherung nationaler Nachhaltigkeitsstrategien internationale Folgen haben kann.

Weltweit stark gehandelte Ressourcen, für welche diese Nachhaltigkeitsüberprüfung besonders wichtig ist, sind Holzpellets, Soja und Getreide. Durch weltweite Handelsnetzwerke haben Nachhaltigkeitsüberlegungen für diese Handelsgüter eine internationale Relevanz. Mit steigender Bedeutung der globalen Bioökonomie ist damit zu rechnen, dass sich die Volumina dieser Handelsnetze schnell entwickeln. Eine Entwicklung, die im Hinblick auf spezifische komparative Vorteile der unterschiedlichen Länder durchaus positive Aspekte besitzt. Eine solche Entwicklung lässt aber auch Raum für ökologische und gesellschaftliche Fehlallokationen. Das hier vorgeschlagene Forschungsprojekt möchte deshalb untersuchen, welche Auswirkungen eine zunehmende Produktion der Handelsgüter Holzpellets, Soja, und Getreide auf die Gesellschaft in unterschiedlichen Anbauregionen der Welt entfaltet und wie sich dies auf den gesellschaftlichen Wandel in Deutschland auswirkt.

Ein erstes grundlegendes Arbeitspaket des Projekts befasst sich mit den nachwachsenden natürlichen Ressourcen, welche in Deutschland potenziell genutzt oder nach Deutschland importiert werden. Unter Differenzierung nach Gütern und Ländern, den jeweiligen Anbaubedingungen und nationalen Rahmenbedingungen, wird eine erste grobe Bewertung der Nachhaltigkeit der deutschen Aktivitäten am Weltmarkt erstellt. Durch die Analyse typischer Handelsketten werden die deutschen Importe ab 1990 im Hinblick auf einen CO2-Fußabdruck, einen Wasser-Fußabdruck und einen Boden-Fußabdruck einer Nachhaltigkeitsüberprüfung unterzogen, wofür unter anderem auf die Umweltökonomische Gesamtrechnung (UGR) zurückgegriffen wird. Dies kann erste Anhaltspunkte liefern, welche Effekte der globale Handel mit nachwachsenden Rohstoffen bewirkt.

Als zweites Arbeitspaket des vorgeschlagenen Forschungsprojektes ist eine Biomasse-Potenzialstudie ausgewählter Lieferländer angedacht. Dabei wird für die Länder, welche schon heute einen Großteil der deutschen Importe bereitstellen, das Höchstpotenzial nachhaltiger Produktion der festgelegten Handelsgüter bestimmt. Als begrenzender Faktor muss der länderspezifische Bedarf an Fläche für weitere Güter Beachtung finden. Dieser Analyse zugrundeliegend ist gerade auch eine Nachzeichnung der historischen Landnutzung in den ausgewählten Lieferländern. Nicht beachtete Landnutzungsänderungen z.B. durch Brandrodung könnten ansonsten ein verzerrtes Bild der Effekte des Biomasseanbaus erzeugen.

Aufbauend auf diesen Arbeitspaketen ist es das zentrale Anliegen des Forschungsprojektes, unterschiedliche Faktoren des gesellschaftlichen Wandels zu erfassen und zu prognostizieren. Die Prognose erfolgt einerseits durch einen quantitativen Forschungsansatz. Auf Grundlage realer Daten werden verschiedene Szenarien für unterschiedlich gestaltete Fördermaßnahmen berechnet. Die Ergebnisse die mit einem sogenannten Computable General Equilibrium Modell (CGE-Modell) generiert werden, geben Aufschluss darüber, wie sich einzelne Faktoren für die einzelnen Länder unter realistischen Annahmen ändern könnten. Zusätzlich wird ein qualitativer Forschungsansatz verfolgt, um die gesellschaftliche Bedeutung des Anbaus der Güter Pellets, Soja und Getreide in ausgewählten Regionen (Deutschland, Osteuropa, Nordamerika, Südamerika und Afrika) ab 1990 nachzuzeichnen und den mit einer steigenden Bioökonomie zu erwartenden gesellschaftlichen Wandel auf regionaler Ebene zu prognostizieren. Dazu werden vor Ort intensive Case Studies durchgeführt; die erhobenen Daten und Informationen stellen die Grundlage für ein Social Impact Assessment dar. Diesem Ansatz widmen sich derzeit unterschiedliche Forscher, als Weiterentwicklung der ökologischen Fußabdrücke sprechen diese teils von ökologischen und sozialen Handabdrücken.


Projektleitung

Prof. Dr. Hubert Röder (Koordination)
T +49 9421 187-260
hubert.roeder [at]hswt.de Mail

Projektdauer

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Projektträger

Projektförderung