Analyse des öffentl. Diskurses zu gesundheitlichen Auswirkungen von Hochspannungsleitungen - Handlungsempfehlungen für die strahlenschutzbezogene Kommunikation beim Stromnetzausbau

ABSTRACT
Die Energiewende in Deutschland zieht mit dem Ausstieg aus der Kernkraft und dem Ausbau erneuerbarer Energien auch Veränderungen bestehender Stromnetze nach sich. Vorhandene Leitungstrassen sollen im Zuge des Stromnetzausbaus angepasst, andere umfänglich neu gebaut werden, was Widerstände und Konflikte mit sich bringt. Zentrale Konfliktfelder bilden die Bedarfsfrage des Stromnetzausbaus, Beteiligung, die eingesetzte Technik, Natur, Landschaft, Wirtschaft sowie Gesundheit. Im Forschungsvorhaben wurden insbesondere gesundheitsbezogene Aspekte, Befürchtungen und Kritikpunkte in den Mittelpunkt des Interesses gerückt und in umfänglichen Analysen ausdifferenziert. Darauf aufbauend wurden mögliche Handlungsoptionen zum Umgang mit aktuellen Konfliktlagen abgeleitet.


EINLEITUNG
Die Energiewende in Deutschland verändert mit dem Ausstieg aus der Kernkraft und dem Ausbau Erneuerbarer Energien in weitreichender Weise bisherige Energieversorgungsstrukturen und wirkt sich räumlich stark aus. Einen Bestandteil bilden hierbei Veränderungen im bestehenden Stromnetz. Vorhandene Leitungstrassen sollen ertüchtigt, andere umfänglich neu gebaut werden, was Widerstände und Konflikte mit sich bringt. Das Forschungsvorhaben „Analyse des öffentlichen Diskurses zu gesundheitlichen Auswirkungen von Hochspannungsleitungen – Handlungsempfehlungen für die strahlenschutzbezogene Kommunikation beim Stromnetzausbau im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz und des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit“ setzte an dieser Stelle an und untersuchte in einem ersten Schritt aus diskurstheoretischer Perspektive, wie der Stromnetzausbau und mögliche gesundheitliche Nebenfolgen konstruiert werden und welche Deutungsmuster vorherrschend sind. Hierauf aufbauend wurden im zweiten Schritt Handlungsempfehlungen mit einem Fokus auf gesundheitspolitische Aufklärung abgeleitet.

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Abb. 1: Freileitung bei Abenddämmerung (Quelle: Berthold Strucken)

Theoretischer Hintergrund des Vorhabens und Vorgehen

Hintergrund des Forschungsvorhabens zum Stromnetzausbau bildet eine sozialkonstruktivistische und diskurstheoretische Perspektive, in der davon ausgegangen wird, dass ,soziale Wirklichkeit‘ nicht einfach als fest gegeben zu verstehen ist, sondern sozial hergestellt wird. Bedeutungen sind entsprechend nicht stabil, sondern vielmehr veränderbar. Zentraler Mechanismus der Vermittlung einer objektivierten sozialen Welt ist Sprache. Sie stellt als Ausgangs- und Bezugspunkt der Alltagswelt Kategorisierungen, Typisierungen und Anonymisierungen zur Verfügung. Damit Aussagen zu einem bestimmten Zeitpunkt als sinnvoll und wahr akzeptiert werden, müssen sie bestimmten Regeln folgen. Sie sind Teil bestehender Diskurse, die in Anschluss an Ernesto Laclau und Chantal Mouffe als temporäre Fixierung von Bedeutung verstanden werden können. Während einerseits bestimmte Diskurse im Alltag als gegeben erscheinen und damit besonders machtvoll sind, sind Veränderungen andererseits aber grundsätzlich immer möglich. Bisherige marginale Diskurse, Subdiskurse, können potenziell an Bedeutung gewinnen und andere Deutungen verdrängen. Besonders (machtvolle) Produktionen und Reproduktionen bestimmter Deutungsmuster und gleichzeitig alternative Positionen rücken damit in den Mittelpunkt der Betrachtung.

Die durchgeführten Analysen fußen auf einem Methodenmix aus quantitativen und qualitativen Analysebestandteilen, um sowohl zentrale Bezugnahmen auszudifferenzieren als auch Einzelaspekte detaillierter zu betrachten. Neben bisherigen Veröffentlichungen wurde die Kommunikation zur gesundheitlichen Aufklärung zum Stromnetzausbau und Zielsetzungen von Bürgerinitiativen mit Internetauftritt ebenso analysiert wie die Inhalte der ersten 50 Google-Treffer, Artikel aus der Süddeutschen Zeitung (SZ) und dem Focus sowie Talkshows. Darüber hinaus wurden Interviews mit Experten mit nationalem und Länderbezug sowie zwei norddeutsche und zwei bayerische Fallstudien mittels Zeitungs-, Material- und Interviewanalyse ausgewertet.

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Abb. 2: Zusammenfassende Darstellung

Ergebnisse

Die Diskursanalyse macht deutlich, dass unterschiedliche soziale Systeme und ihre spezifischen Logiken von entscheidender Bedeutung für die Beurteilung des Stromnetzausbaus sind. Während Wirtschaft und Politik sehr stark über technische sowie volks- und betriebswirtschaftliche Notwendigkeiten argumentieren und darüber den Netzausbau als zwingend erforderlich legitimieren, werden ,drohende‘ Veränderungen innerhalb der bisherigen ,Lebenswelten‘ von Bürgerinitiativen emotional und ästhetisch vielfach sehr stark negativ bewertet und abgelehnt. Planungen werden von Gegnern regelmäßig mit Verweisen auf Landschaft, Naturschutz, Wirtschaft und Tourismus sowie Gesundheit kritisiert.

Es werden entweder Freileitungen (Abb. 1) gegenüber Erdverkabelungen abgelehnt oder neue Leitungen als in Gänze ,nicht erforderlich‘ bewertet. Innerhalb der gesundheitlichen Bezüge werden ,potenziell‘ mögliche Risiken hervorgehoben, wobei es bislang – so der Tenor untersuchter Veröffentlichungen – keine Studien gebe, die Gefahren zweifelsfrei belegten noch ausschlössen. Technisch und rechtlich wird auf Grenzwerte Bezug genommen, bei deren Einhaltung Risiken minimiert würden. Eine gewisse uneindeutige Informationslage bleibt allerdings.

Gesundheitsbezogene Diskursstränge sind innerhalb der massenmedialen Analysebestandteile der Google-Treffer, SZ- und Focus-Artikel und der Talkshows diffus beziehungsweise nur begrenzt präsent. Im Zentrum stehen politische und wirtschaftsbezogene Argumentationsmuster um die Energiewende und eine tendenzielle Befürwortung des Stromnetzausbaus. Argumente um ,Krebsrisiken‘, ,neurodegenerative Erkrankungen‘ oder Strahlenschutz im Zusammenhang mit Grenzwerten reihen sich in andere, bereits angeführte Bezugnahmen um Landschaft, Natur et cetera ein.

Während von einigen Interviewpartnern gesundheitsbezogene Befürchtungen um das allgemeine Krebsrisiko, Leukämie bei Kindern, weitere Erkrankungen oder ionisierte Raumladungswolken als für Bürger entscheidend gerahmt werden, halten andere eher ,Landschaftsverschandelung‘ für zentral. Umfänglicherer Forschungsbedarf wird im Hinblick auf die Gleichstromübertragungstechnik konstatiert. Wissenschaftliche Erkenntnisse fehlten bislang noch – gleichzeitig besteht der Bedarf einer besseren Vermittlung zu bekannten Vor- und Nachteilen dieser Technik. Durchgehend werden Fragen zur Gesundheit und zum Strahlenschutz (re)produziert, so dass diese einen Teil des Aushandlungsprozesses bilden – ob machtvoll verankert oder eher als Subdiskurs, der grundsätzlich auch an Dominanz gewinnen könnte. Ebenfalls durchgehend werden bisherige Planungs- und Umsetzungsprozesse im Kontext des Stromnetzausbaus als problematisch bewertet, was sich in teilweise massiven Bürgerprotesten widerspiegelt. Übertragungsnetzbetreiber hätten einen Lernprozess durchmachen müssen, dass Bürger stärker als bei früheren Trassenbauvorhaben einbezogen und beteiligt werden möchten. Dies zeigt sich gerade auch in den beiden norddeutschen Fallstudien ,Keine 380kV-Freileitung am Teuto‘ und ,Delligsen in der Hilsmulde‘, in denen nicht die Trassenplanungen als solche, sondern die Verfahren und die geplanten Freileitungen abgelehnt werden. Eine ausführlichere Diskussion sollte über die Erdverkabelung erfolgen – hier gerade auch mit dem Verweis auf Gesundheit und Strahlenschutz. In Bayern dagegen werden durch die Bürgerinitiativen ,Pegnitz unter Strom‘ und ,Hormersdorf-Schnaittach‘ die Planungen um die Gleichstrompassage Süd-Ost als gänzlich nicht erforderlich kritisiert. Die Gleichstrompassage Süd-Ost wird mit gesundheitlichen Auswirkungen in Beziehung gebracht – neben weiteren Argumenten um ,Landschaftsverschandelung‘, ,Heimatverlust‘ oder negativen wirtschaftlichen Auswirkungen (insbesondere die Befürchtung eines Wertverlustes der eigenen Immobilie). Elektrosmog, elektrische und magnetische Felder und Raumladungswolken (Korona-Effekte) werden zu ,Ängsten‘, die nicht entkräftet werden beziehungsweise zu ,Risiken‘, die nicht als ,unter Umständen möglich‘, sondern teilweise eher als ,Fakt‘ verankert werden. Dennoch Stromtrassen umsetzen zu wollen, wird ,moralisch‘ verwerflich gesehen.

Fazit

Zusammenfassend bilden, ausgehend von Konsequenzen aus der Energiewende, die Bedarfsfrage des Stromnetzausbaus, Beteiligung, die eingesetzte Technik sowie Landschaft, Gesundheit, Natur und Wirtschaft zentrale Konfliktfelder, die innerhalb des Netzausbaus ausgehandelt werden (Abb. 2) und sich in eher kognitive, emotionale sowie ästhetische Bewertungsmuster einreihen.

Für alle beschriebenen Konfliktfelder lassen sich – in neopragmatisch angewandt-wissenschaftlicher Herangehensweise – mögliche Handlungsempfehlungen ableiten, die zielgruppenspezifisch aufgefächert wurden. Da gemäß den unterschiedlichen Systemlogiken gerade gesundheitsbezogene Aspekte unterschiedlich gerahmt beziehungsweise adressiert werden, sollte hier eine stärkere Perspektivenerweiterung forciert werden: Die von Politik und Wirtschaft sowie Sprechern der Umsetzung des Netzausbaus bereitgestellten Informationen und Materialien sind für Laien in Bezug auf Nachvollziehbarkeit und Transparenz nach wie vor tendenziell schwer rezipierbar. Hier besteht Handlungsbedarf, um ästhetische und emotionale Zugänge um eine kognitive Dimension zu erweitern. Für Mitarbeiter des Bundesamtes für Strahlenschutz wurde ergänzend ein ,Werkzeugkasten‘ entwickelt, der unterschiedliche Instrumente zum Umgang mit identifizierten Problematiken innerhalb der analysierten Konfliktfelder bereitstellt.

Veröffentlichungen

Weber, F., Jenal, C., & Kühne, O. 2016: Der Stromnetzausbau als konfliktträchtiges Terrain. In: UMID 01/2016, S. 50-56. URL: http://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/378/publikationen/umid_01_2016_internet.pdf

Weber, F., Kühne, O., Jenal, C., Sanio, T., Langer, K., & Igel, M. (2016). Analyse des öffentlichen Diskurses zu gesundheitlichen Auswirkungen von Hochspannungsleitungen – Handlungsempfehlungen für die strahlenschutzbezogene Kommunikation beim Stromnetzausbau: Ressortforschungsberichte zur kerntechnischen Sicherheit und zum Strahlenschutz

Weber, F., Jenal, C., & Kühne, O. 2016: Der Stromnetzausbau als konfliktträchtiges Terrain. In: UMID 01/2016, S. 50-56

Projektleitung

Prof. Dr. Dr. Olaf Kühne (Koordination)

Teilprojektleitung

Dr. Florian Weber (Koordination)

Projektbearbeitung

M.A. Tina Sanio

Projektmitwirkung

Corinna Jenal

Prof. Dipl.-Ing. Kerstin Langer

Projektmitwirkung extern

Cornelia Egblomassé-Roidl
Bundesamt für Strahlenschutz Link

Projektdauer

01.11.2014 - 31.10.2015

Projektpartner

Projektförderung

Weblinks

Ergebnisbericht Link
Weber, F., Jenal, C., & Kühne, O. 2016: Der Stromnetzausbau als konfliktträchtiges Terrain. In: UMID 01/2016, S. 50-56 Link