Kartierung und Sicherung alter Apfel- und Birnensorten im Schwäbischen Donautal und im westlichen Landkreis Augsburg "Donautal aktiv"

ABSTRACT
In diesem Projekt zeigt sich erneut der große Nutzen, den regional basierte Sortenerfassungen für den Erhalt einer breiten und regionalen Vielfalt haben. Ohne die Erfassung vor Ort gehen anbauwürdige, zumindest aber landeskulturell bedeutende Sorten unweigerlich verloren. Ohne diese Arbeit vor Ort würde man vom Vorkommen von einigen der angeführten Sorten nichts wissen und man hätte auch keine fachliche Grundlage, sie für die Projektregion eventuell wieder zu vermehren. So aber kann man das regionale Sortiment um weitere, bestens angepasste Sorten erweitern und für eine breitere genetische Vielfalt im Hochstammanbau sorgen. In einem geplanten Folgeprojekt werden die aufgefundenen erhaltenswerten Sorten in einer Sammlung gesichert.
Ausführliche Informationen zu der Kartierung finden sich unter: http://schlaraffenburger.de/cms/index.php/sortenkartierung-schwaebisches-donautal-2013 (s. rechts unter Weblinks)


Nach den Sortenerhaltungsprojekten im Kreis Lindau (2004 – 2007) und im bayerischen Allgäu (2009 – 2012) wurden nun im Schwäbischen Donautal alte Apfel- und Birnensorten erfasst. Projektziel war es, die Apfel- und Birnensorten der alten Obsthochstämme der Region zu erfassen und hinsichtlich ihrer Häufigkeit, Verbreitung und Gefährdung zu beurteilen. Es sollten Aussagen darüber getroffen werden, welche Sorten gefährdet oder regionaltypisch sind und vorrangig erhalten werden müssen.

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Abb. 1: Das Kartierungsgebiet „Schwäbisches Donautal“ – die grünen Punkte zeigen Städte und Gemeinden an, in denen kartiert wurde
Abb. 2: Häufig vorkommende Birnensorte ‚Minister Dr. Lucius‘

Ergebnisse

Es wurden 3118 Bäume (2740 Apfel- und 378 Birnbäume) mit 193 Sorten erfasst und aufgeteilt auf 150 Apfel- und 48 Birnensorten. Hinzu kommen noch etwa 100 unbekannte Sorten.
Die Häufigkeit sagt aus, welche Sorten in einer Region bevorzugt angebaut wurden und lässt eine für die Region charakteristische Sortenzusammensetzung erkennen.

28 Apfelsorten kommen sehr häufig oder häufig vor, die Anzahl der erfassten Standorte liegt bei mindestens 50 (sehr häufig) bzw. 20 (häufig). 77 Apfelsorten sind selten, d. h. sie wurden im Untersuchungsgebiet maximal fünfmal nachgewiesen. Die häufigste ist ‚Schöner aus Boskoop‘. Ebenfalls sehr häufig kommen ‚Jakob Fischer‘, ‚Brettacher‘, ‚Bohnapfel‘, ‚Maunzenapfel‘, ‚Kaiser Wilhelm‘, ‚Apfel aus Croncels‘ oder ‚Rheinischer Winterrambur‘ vor. Sie sind auch überregional stark verbreitet und daher ohne spezielle regionale Bedeutung. Beachtenswert sind die Apfelsorten, die in der Region Schwäbisches Donautal stärker als andern­orts angebaut wurden. Dazu gehören ‚Schöner aus Wiltshire‘, ‚Riesenboiken‘‘ ‚Raafs Liebling‘, ‚Pomme d‘Or‘ und ‚Kesseltaler Streifling‘.

Nur 2 Birnensorten wurden häufig erfasst (‚Oberösterreichische Weinbirne‘ und ‚Doppelte Philippsbirne‘), 33 dagegen gelten mit höchstens 5 Nachweisen als selten. 15 Birnensorten sind zwischen 6 und 19 mal erfasst, u. a. die allgemein stark verbreitete Saftbirne ‚Schweizer Wasserbirne‘ oder die Tafelbirnen ‚Köstliche aus Charneux‘ und ‚Ulmer Butterbirne‘, sowie die Sommerdörrbirnen ‚Schwäbische Wasserbirne‘ und ‚Weißenhorner Birne‘.

Ebenfalls unter den häufigeren Birnensorten zu finden sind ‚Neue Poiteau‘, ‚Minister Dr. Lucius‘ und ‚Prinzessin Marianne‘. Aufgrund ihres mäßigen Wärmebedarfs können diese Tafelbirnen auch in obstbaulich weniger günstigen Lagen wie dem Schwäbischen Donautal als freistehende Feldbäume gepflanzt werden und erfordern keinen wärmebegünstigten Anbau z. B. als Wandspalier. ‚Oberösterreicher Weinbirne‘ ist wegen ihrer hohen Anfälligkeit für Feuerbrand nicht mehr für den extensiven Landschaftsobstbau zu empfehlen.

Die Apfelsorten ‚Schöner aus Gebenhofen‘ und ‚Rosentalerapfel‘ sowie die Birnensorte ‚Weißenhorner‘ Birne sind als eigentliche Regionalsorten anzusprechen. Sie sind nach derzeitigem Kenntnisstand fast ausschließlich im mittleren Schwaben beheimatet. Über das Vorkommen des Rosentalerapfels war bisher nichts bekannt. Überraschend fanden sich auch zwei Bäume des ‚Chüsenrainers‘ und ein Baum der Apfelsorte ‚Sauergrauech‘, beides sind spezielle Schweizer Mostäpfel.

Auch allgemein gefährdete und seltene Apfelsorten wie ‚Aufhofer Klosterapfel‘, ‚Böblinger Straßenapfel‘, ‚Bramleys Sämling‘, ‚Geflammter Cousinot‘, ‚Echter Winterstreifling‘, ‚Keuleman‘, ‚Kugelapfel‘, ‚Luxemburger Renette‘, ‚Nimmermür‘, ‚Rambur Papeleu‘, ‚Roter Winterhimbeerapfel‘ (‚Oberländer Himbeerapfel‘) und ‚Strauwalds Parmäne‘ sind in der Region zu finden, ebenso ‚Bayerische Weinbirne‘, ‚Grumkower Butterbirne‘ und ‚Naghins Butterbirne‘.

Die Früchte von 253 Apfel- und 74 Birnbäumen konnten nicht bestimmt werden. Besonders unbekannte Sorten sind ein wichtiger Bestandteil des genetischen Erbes einer Region. Für 56 dieser unbekannten Sorten wurden Arbeitstitel vergeben. 14 unbekannte Apfelsorten und vier unbekannte Birnensorten wurden an mehreren Bäumen nachgewiesen.

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Abb. 3: Erfasste Früchte der nahezu verschollenen Sorte ‚Echter Winterstreifling‘
Tab. 1: Die häufigsten Apfel- und Birnensorten im Kartierungsgebiet

Die gefährdeten Sorten

In ihrem Fortbestand sehr stark gefährdet sind Sorten, die bisher pomologisch nicht näher bestimmt werden konnten. Kaum eine Sammlung bemüht sich um den notwendigen Erhalt dieser Varietäten. Vielfach handelt es sich dabei um Wirtschaftsfrüchte, seltener um schmackhaftere Tafelsorten. Ein Beispiel ist die Apfelsorte mit dem Erhalternamen ‚Wald 686‘. Der säuerliche Wirtschaftspafel wurde an drei räumlich deutlich entfernt auseinander liegenden Standorten erfasst, bei vorangegangenen Kartierungen in Halblech und Wald (Kreis Ostallgäu) ebenso wie aktuell in Ustersbach (Kreis Augsburg). Hier handelt es sich mit Sicherheit um eine historische Sorte, die früher unter einem heute nicht mehr bekannten Namen verbreitet wurde. Auch wenn man den Namen nicht mehr kennt und die Wahrscheinlichkeit eher gering ist, dass er wieder zugeordnet werden kann, so erweitert sie als Bestandteil des historischen Apfelsortiments die genetische Vielfalt bedeutend.

Ebenso stark gefährdet sind pomologisch nachweisbare, aber inzwischen nur noch sehr selten anzutreffende Sorten. So fand sich im Kreis Günzburg an zwei Standorten eine von den jeweiligen Eigentümern unabhängig voneinander als ‚Winterstreifling‘ bezeichnete Apfelsorte. Hier handelt es sich um die bereits in der frühen pomologischen Literatur beschriebene, kaum mehr nachgewiesene Apfelsorte ‚Echter Winterstreifling‘.

Sehr gefährdet und vorrangig erhaltenswert sind nicht zuletzt die Sorten, die in der Region zwar unter einem einheitlichen Namen bekannt, aber in der sortenkundlichen Literatur nicht beschrieben sind. In den Kreisen Dillingen und Günzburg trifft man auf die Apfelsorte ‚Rosentaler‘. Sie kann nach derzeitigem Kenntnisstand als Regionalsorte angesprochen werden, denn auch die Vorlage der Früchte bei überregional arbeitenden Sortenkundlern ergab keinen Hinweis auf einen möglichen anderen bekannten Namen (ein in der Literatur erwähnter Rosentalerapfel ist mit der vorliegenden Sorte nicht identisch). Es handelt sich nicht nur um einen ansprechend gefärbten, sondern auch wohlschmeckenden Apfel. Die vorgefundenen Bäume sind teilweise über 100 Jahre alt.

Projektleitung

Prof. Dr. Hans-Ulrich Helm (Koordination)

Projektbearbeitung

Dipl.-Ing. agr. Hans-Thomas Bosch

Projektdauer

01.09.2013 - 31.07.2015

Projektförderung

Weblinks

Ausführliche Informationen zu der Kartierung Link