Dialogforum Erneuerbare Energien in Tourismusregionen: Chancen, Risiken und Grenzen

Der Ausbau Erneuerbarer Energien ist ein erklärtes und breit akzeptiertes gesellschaftliches Ziel. Von der Umsetzung des Ziels sind viele Landschaften betroffen, auch jene, die als sog. Erholungslandschaften eng mit einer touristischen Nutzung verbunden sind. Inwieweit Erholungslandschaften ihren Charakter und ihr touristisches Potenzial bewahren können bzw. mit dem Ausbau Erneuerbarer Energien sogar neue touristische Angebote schaffen können, war Thema des zweitägigen Dialogforums "Erneuerbare Energien in Tourismusregionen - Chancen, Risiken und Grenzen.

Bild1

Forum am 4./5. November 2013

Mit über 80 Teilnehmern fand ein reger fachlicher Austausch über Anforderungen der verschiedenen Formen der Erneuerbaren Energien auf Tourismusregionen und Erholungslandschaften statt. Mit Fachvorträgen, in Workshops und Diskussionsrunden wurden mit Experten aus den Bereichen Tourismus, Natur- und Landschaftsschutz und Energieversorgung Lösungsansätze und Handlungsempfehlungen für eine nachhaltige und konfliktarme Entwicklung der Erneuerbaren Energien in Erholungslandschaften erarbeitet.

Ergebnisse des Dialogforums

Tagungsdokumentation, Fachvorträge, Einführungsreferate zu den Workshops sowie sonstige Materialien zum Dialogforum finden Sie in der rechten Informationsspalte unter "Weblinks" zum Herunterladen.

Darstellung der Tagungsergebnisse sowie erste Ansatzpunkte für den konkreten Handlungsbedarf

Die Energiewende ist in den Tourismusregionen und Erholungslandschaften angekommen und bewegt, wie im Dialogforum sehr deutlich wurde, Planer, Energieversorger, Touristiker und Naturschützer gleichermaßen stark. Die unterschiedlichen Ansprüche an die Landschaft sind vielfältig (Grundlage für Erholung, Kultur- und Naturschutz, Lebensraum für die Bevöl-kerung und Standort für EE-Anlagen), die Abstimmung unter den Anforderungen diffizil. Während es beispielsweise von Seiten des Natur- und Artenschutzes schon seit mehreren Jahren eine gezielte fachliche Auseinandersetzung mit Erneuerbaren Energien gibt, steht diese Diskussion im Tourismusbereich erst am Anfang.

Es besteht aber eine hohe Dringlichkeit, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, da vieler Orts Anlagen der Erneuerbaren Energien in den Erholungslandschaften errichtet wer-den und die Gäste die Veränderungen in der Landschaft auch bewusst wahrnehmen. Viele Teilnehmer des Dialogforums aus dem Tourismusbereich empfinden gegenüber den Fach-leuten erhebliche Wissensdefizite, was die Auswirkungen und Chancen von Erneuerbaren Energien in den Tourismusregionen anbelangt. Die fachliche Diskussion (etwa hinsichtlich der Planungsverfahren und zu Beteiligungsmöglichkeiten) ist bereits sehr speziell, es fehlt in der Tourismusbranche häufig aber bereits an Grundlagenwissen (z.B. "Pro" und "Contra" der einzelnen Formen der Erneuerbaren Energien).

In den einzelnen Tourismusregionen bestehen sehr große Unterschiede, was die Umsetzung der Energiewende anbelangt. So bieten einige Regionen bereits aktiv touristische Angebote an, die sich auf Erneuerbare Energien beziehen, andere hingegen befürchten vor allem mögliche negative Auswirkungen auf Landschaftsbild und Erholungseignung der Region.
Touristiker können über die Teilnahme an den formellen Beteiligungsverfahren und den ggf. durchgeführten informellen Beteiligungsprozessen an Fachplanungen ihre Belange in die Diskussion bei der Planung und Umsetzung der Energiewende einbringen. Allerdings ist dies zeitaufwändig. Da es sich in den Regionen oft um kleinstrukturierte Betriebe und Tourismusvereine handelt, die mit engen Personalkapazitäten zu kämpfen haben, werden touristische Aspekte bislang vergleichsweise selten in die Planung der Energiewende eingebracht.

Dazu kommt, dass "Erholung in der Landschaft" häufig keine direkten Fürsprecher hat. Im Naturschutz sind im Zusammenhang mit der Energiewende die Belange des Artenschutzes und des Landschaftsbildes vorrangig, hinsichtlich der touristischen Nutzung von Natur- und Kulturlandschaften bestehen u.U. auch Vorbehalte. Der Tourismus selbst ist im Ressort der Wirtschaftsförderung angesiedelt, die die Energiewende als Wirtschaftsfaktor begrüßt.

Betont wurde von allen Teilnehmern, dass das Dialogforum ein erster, aber sehr wichtiger Anstoß war, um sich dieser Situation bewusst zu werden und dass das Thema weiter behandelt sollte. In den unterschiedlichen Foren der Veranstaltung, vor allem im World Café und in den Workshops kristallisierten sich erste Ansatzpunkte für eine Verbesserung der beschriebenen Situation heraus. Diese können drei Schwerpunkten zugeordnet werden: Abbau der Wissensdefizite/Forschungsbedarf, Verbesserung der Einbindung/Berücksichtigung touristischer Belange und Bildung von Allianzen.

Ansatzpunkte für den Abbau von Wissensdefiziten/Forschungsbedarf

• Fachliche Weiterbildungsangebote für Tourismus-Akteure schaffen (Grundlagenwissen!), z.B. durch Schulungsangebote des Deutschen Seminars für Tourismus (DSFT) Berlin oder der Tourismusorganisationen der Länder und Regionen unter Einbeziehung von Experten.
• Regionale Information und dauerhafte Vor-Ort-Beratung der touristischen Unternehmen, vor allem zum Einsatz von Erneuerbaren Energien im eigenen Betrieb (Aspekte: Möglichkeiten zur Energieeinsparung, Energiemix, Wirtschaftlichkeit); eine (i.d.R. kostenpflichtige) Beratung wird bereits durch Projektentwickler vorgenommen (siehe hierzu u.a. das Beispiel "Natürlich Rügen - Voller Energie", Workshop 4, s. Weblinks); entsprechende Angebote könnten auch von den Tourismusverbänden vor Ort initiiert/organisiert werden.
• Schaffung von Kompetenz-Netzwerken.
• Belastbare Erhebungen zur Akzeptanz von EE (alle Energieformen) bei den Gästen und Besuchern.
• Untersuchungen zu den Auswirkungen von EE auf die Übernachtungszahlen. Hier gibt es erste Untersuchungen (z.B. Land Schleswig-Holstein (2000): "Touristische Effekte von On- und Offshore-Windkraftanlagen in Schleswig-Holstein", die jedoch nur bedingt übertragbar sind.
• Auswirkungen von Freileitungen
• Best-Practice-Beispiele als Muster publizieren, dabei nach Regionen unterscheiden (unterschiedliche Potenziale und Möglichkeiten der Regionen sollen abgebildet werden).
• Initiierung von Modellprojekten: Ein Thema wäre z.B. die beispielhafte, forschungsbegleitete Umstellung einzelner Tourismusbetriebe von konventioneller Energieversorgung auf eine möglichst vollständige Versorgung durch Erneuerbare Energien (Untersuchungsfragen: Machbarkeit, Wirtschaftlichkeit, ggf. auftretende energetische Engpässe).
• Schaffung einer Online-Datenbank mit Best-Practice-Beispielen (Erfassung und Aktualisierung der Daten z.B. durch den Deutschen Tourismusverband e.V.; Verbindung mit dessen Homepage).

Ansatzpunkte für die verbesserte Einbringung/Berücksichtigung touristischer Belange

• Die Kommunikation muss auf allen Ebenen erfolgen, es muss auf allen Ebenen konkrete Ansprechpartner geben.
• Bei größeren Vorhaben sollten die Tourismusakteure "pflichtmäßig" eingebunden werden (Dilemma: Tourismus ist kein Träger öffentlicher Belange!).
• Bei größeren Vorhaben sollten Gutachten erstellt werden, die auch die Auswirkungen auf Erholung und Tourismus untersuchen.
• Es wird aber auch eingeräumt, dass der Tourismus sich selbst aktiv einbringen muss, etwa über die Tourismusorganisationen in den Ländern, Regionen und Kommunen.
• Schaffung einer Länderarbeitsgruppe "EE in Erholungslandschaften"
• In Planungen sollten auch gestalterische Aspekte einfließen (Entwurf von Anlagen, die innovativ und qualitätvoll gestaltet sind und neue Landschaftsbilder schaffen)
• Die Energiewende muss sprachlich positiv besetzt werden.

Ansatzpunkte für die Bildung von Allianzen

• Wichtige Partner sind Akteure aus Landwirtschaft und Naturschutz, die als TöB über weitere Einflussmöglichkeiten verfügen.
• Kontaktaufnahme zu Raumplanern, Fachplanern ist nötig (Information, Einbringen touristischer Belange/Ideen).
• Teilnahme an einer Länderarbeitsgruppe "EE in Erholungslandschaften" (siehe oben).

Projektleitung

Prof. Dr. Markus Reinke (Koordination)
T +49 8161 71-3776
markus.reinke [at]hswt.de Mail

Projektbearbeitung

Dipl.-Ing. (FH) Jutta Böhm

Dr. Christina Kühnau

Projektdauer

01.05.2013 - 31.05.2014

Projektförderung

Weblinks

Tagungsdokumentation Link
Fachvorträge Link
Einführungsreferate Workshops Link
Materialien Link
Fazit BMUB Link