Erfassung, Erhaltung und Nutzung alter Kernobstsorten für die Region Allgäu - Durchführung einer Obstbaumkartierung für die Landkreise und kreisfreien Städte des Allgäus und Aufbau eines Sortenerhaltungsgartens (LEADER-Projekt)

Der Nutzen der einstigen Sortenvielfalt ist heute wissenschaftlich allgemein anerkannt und belegt: für den praktischen Anbau, für züchterische Zwecke, als Genpool für potenzielle spätere Forschungen und Entwicklungen, aber auch als Bestandteil regionaler Identität. Die meisten Sorten sind allerdings nur noch als wenige oder einzige überalterte Baumrelikte anzutreffen und daher in ihrem Fortbestand akut bedroht. Ziel des Projektes war die systematische Erfassung alter, seltener und regionaltypischer Sorten. In einem zweiten Schritt wurden ausgewählte Sorten in einem Sortenerhaltungsgarten gesichert.

Von Herbst 2009 bis Herbst 2012 wurden im Untersuchungsgebiet insgesamt 3.722 Apfel- und Birnbäume erfasst. Es konnten 257 Sorten nachgewiesen werden. 97 unbekannte Varietäten wurden als eigenständige Sorten identifiziert, aber noch nicht namentlich bestimmt. Ein Hinweis darauf, dass hier Sorten überdauert haben, die in ihrer Entstehung bis ins 18. Jahrhundert und davor zurückreichen. Die ältesten erfassten Birnbäume sind 300 bis 400 Jahre alt.

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Bereits um 1770 für die Region dokumentierter und nach wie vor empfehlenswerter Wirtschaftsapfel ‘Pfahlinger‘; hier ein etwa 80-jähriger Baum in Mussenhausen (Unterallgäu)
Frucht der Apfelsorte ‘Rambur Papeleu‘ – die Sorte wächst stark und bildet mittelgroße bis große Früchte

Ergebnisse der Kartierung

70 % der Sorten sind selten, d. h. sie wurden im Untersuchungsgebiet maximal fünf mal nachgewiesen. Die häufigsten Sorten im Untersuchungsgebiet sind‚ ‘Schöner aus Boskoop‘,‘Jakob Fischer‘, ‘Apfel aus Croncels‘ und ‘Brettacher‘, die zum überregionalen Standardsortiment gehören. Unter den sehr häufigen Sorten finden sich jedoch bereits Sorten, die zwar überregional verbreitet sind, doch im Allgäu besonders bevorzugt wurden. Dazu gehören ‘Horneburger Pfannkuchenapfel‘‚ ‘Grahams Jubiläumsapfel‘, ‘Maunzenapfel‘, ‘Pfaffenhofer Schmelzling‘, ‘Schöner aus Wiltshire‘ und ‘Schöner aus Hernhut‘. Diese Sorten sind sicher wegen ihrer Frosthärte in den überwiegend rauen Lagen des Allgäus angebaut worden.

Unter den häufigen Apfelsorten befindet sich aber auch regionaltypische Sorten wie z. B. der ‘Pfahlinger‘, der bisher nur innerhalb der Region Schwaben nachgewiesen wurde, sowie ‘Vilstaler Weißapfel’ und ‘Rambur Papeleu‘. Besonders überrascht dabei ‘Rambur Papeleu‘, über dessen Vorkommen bisher nichts bekannt war. Er erweist sich als sehr gut an die Standortverhältnisse der Region angepasst. Die Apfelsorte ‘Eisenburger‘ findet sich fast ausschließlich im Stadtgebiet Memmingen. Es dürfte sich hier um eine historische Sorte handeln, die unter einem nicht mehr bekannten Namen früher überregional verbreitet wurde.

Der überwiegende Teil des Apfelsortiments ist überregional verbreitet. Die fünf Apfelsorten ‘Allgäuer Kalvill‘, ‘Aufhofer Klosterapfel‘, ‘Jakobacher‘, ‘Pfahlinger‘ und ‘Schöner aus Gebenhofen‘ sind bisher nur im Kartierungsgebiet bekannt, sind also als Regionalsorten des Allgäus anzusprechen.

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Gefährdungsgrad der Apfelsorten mit unbekannten Varietäten
Gefährdungsgrad der Birnensorten mit unbekannten Varietäten

Nur 6 % der Birnensorten können als häufig oder sehr häufig bezeichnet werden. Etwa 80 % des Sortiments gilt mit weniger als 5 Nachweisen als selten, was den besonderen Handlungsbedarf für den Sortenerhalt unterstreicht. Die häufigsten Birnensorten sind die Saft und Mostbirne ‘Schweizer Wasserbirne‘, sowie die für Raulagen geeigneten Tafelsorten ‘Ulmer Butterbirne‘ und ‘Doppelte Philippsbirne‘. Mit der Dörrbirne ‘Hingeler‘ ist im Oberallgäu eine Regionalsorte bestandsbildend. Bemerkenswert für das Unterallgäu ist die Birnensorte ‘Längeler‘. Außerhalb des Kartierungsgebiets scheint sie nach derzeitigem Kenntnisstand nicht vorzukommen.

Bei den Birnen sind 10 Sorten (13 %) als Regionalsorten einzustufen. Dazu gehören unter anderem ‘Hängeler‘, ‘Honigbirne‘, ‘Kornbirne‘, ‘Längeler‘, ‘Luipolzerbirne‘, ‘Münchner Wasserbirne‘ und ‘Schäufelebirne‘. Das Vorkommen der ‘Schäufelebirne‘ beschränkt sich auf den Raum Halblech.

Berücksichtigt man die zahlreichen unbekannten Varietäten, beträgt der Anteil gefährdeter Apfelsorten 45 %. 57 % der Birnensorten gelten als gefährdet. Dazu gehören vor allem alle Regionalsorten, da sie nicht mehr in Baumschulen erhältlich sind. Aber auch überregional verbreitete Sorten müssen als gefährdet eingestuft werden. So z. B. die Apfelsorten ‘Luxemburger Renette‘ und ‘Wohlschmecker aus Vierlanden‘ oder die historischen Sorten ‘Weiße Herbstbutterbirne‘ und ‘Holzfarbige Butterbirne.

Über den gesamten Projektzeitraum hinweg wurden Sorten erfasst, die zwar überregional verbreitet, aufgrund ihrer Seltenheit aber dennoch gefährdet sind. So fand sich bei Kempten ein Baum der rheinländischen Apfelsorte ‘Rotes Seidenhemd‘, ebenso die sehr seltene ‘Luxemburger Renette‘ aus dem Saar-Lor-Lux-Raum. Ein Baum von ‘Wohlschmecker aus Vierlanden‘ – eine Traditionssorte der Niederelbe – fand sich im Oberallgäuer Weiler Schwarzenberg und die niederländische Apfelsorte ‘Groninger Krone‘ in Halblech.

Fertigstellung des Erhaltungsgartens

Mit den Veredelungen im März und April 2013 wurde der Erhaltungsgarten fertig gestellt. Er beherbergt insgesamt 84 Apfel- und 84 Birnensorten. Die Auswahl der Sorten, die in die Sammlung aufgenommen wurden, erfolgte unter den Gesichtspunkten „Regionalität“, „Seltenheit” und “Gefährdung”. Besonders erhaltenswert sind unbekannte Sorten, von denen mehrere Bäume aufgefunden wurden, wie z. B. die unter der Sammelbezeichnung “Herbstrenette” mehrmals kartierte Apfelsorte. Es wurden zudem 8 Birnen- und 2 Apfelsorten in die Sammlung aufgenommen, die zwar bisher nicht im Projektgebiet nachgewiesen wurden, die aber entweder das Sortiment in Zukunft bereichern könnten (z. B. ‘Limoniapfel‘, ‘Paulsbirne‘ oder ‘Knausbirne‘) oder überregional stark gefährdet sind, weil sie bisher in keiner oder kaum einer Sammlung stehen (z. B. ‘Zuckerbirne aus Montlucon‘ oder ‘Schöne aus Abrés‘) oder früher im Projektgebiet verbreitet waren, aber nicht mehr nachgewiesen werden konnten (z. B. die beiden Birnensorten ‘Punktierter Sommerdorn‘ und ‘Capiaumonts‘). Die meisten der Sorten, die im Projektgebiet erfasst wurden sind zum ersten Mal überhaupt in einer Sammlung gesichert.

Sieben Apfelsorten aus der Erhaltungsarbeit in Schlachters wurden auf ihre Triebanfälligkeit für Feuerbrand an der Universität Hohenheim getestet. Als gering anfällig haben sich z. B. die Sorten ‘Böblinger Straßenapfel‘ und ‘Doppelter Prinzenapfel‘ erwiesen.

Die Sammlung beherbergt zahlreiche bisher nicht oder nur unzureichend erhaltene Apfel- und Birnensorten und gibt ein einzigartiges Abbild des Sortenspektrums der Kulturlandschaft Allgäu.

Projektleitung

Prof. Dr. Hans-Ulrich Helm (Koordination)

Projektbearbeitung

Dipl.-Ing. agr. Hans-Thomas Bosch

Projektdauer

01.09.2009 - 31.08.2013

Projektförderung

Förderverein Obstbauschule Schlachters e. V.

Weitere Projektförderer

Landkreise Lindau, Oberallgäu, Unterallgäu und Ostallgäu sowie die kreisfreien Städte Kempten, Memmingen und Kaufbeuren