Kauf- und Zahlungsbereitschaft für Polyamide aus heimischen nachwachsenden Rohstoffen

Normalerweise wird Plastik aus Erdöl gewonnen. Aber fossile Ressourcen werden knapper und teurer. Als Nische gewinnen Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen immer mehr an Bedeutung und sind inzwischen in verschiedensten Produkten zu finden. Äußerlich sind sie von konventionellen Kunststoffen nicht zu unterscheiden und besitzen häufig auch dieselben technischen Eigenschaften. Aufgrund der geringen Marktdurchdringung werden Verbraucher jedoch wenig mit Biomasse-basierten Kunststoffen konfrontiert und verfügen über ein begrenztes Wissen. Zudem führt die bislang geringe Produktionskapazität zu höheren Preisen im Vergleich zu Erdölbasierten Produkten.

Am Fachgebiet Marketing und Management Nachwachsender Rohstoffe am Wissenschaftszentrum Straubing wurde die Beziehung von Verbrauchern zu Kunststoffen aus nachwachsenden Rohstoffen in drei Forschungsarbeiten untersucht.

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Abb. 1a: Verwendete biobasierte Beispielprodukte
Abb. 1b: Verwendete biobasierte Beispielprodukte

CO2-neutral und ressourcenschonend

Heutzutage wird nicht mehr darüber diskutiert, ob Erdöl und Erdgas ausgehen werden, sondern wann dies der Fall sein wird. Daher wird auf lange Sicht der Einsatz von nachwachsenden Rohstoffen in der chemischen Industrie unumgänglich sein. Allein deshalb sind biobasierte Kunststoffe nachhaltig, weil sie auf regenerierbaren Ressourcen basieren und langfristig verfügbar sind. Zudem haben Biomasse-basierte Kunststoffe das Potenzial, Treibhausgasemissionen zu reduzieren oder sogar CO2-neutral zu sein. Denn zum Wachsen benötigen die Pflanzen CO2, das sie aus der Luft absorbieren. Durch den Anbau von Biomasse und deren Weiterverarbeitung werden demnach Treibhausgase aus der Atmosphäre entfernt.

Derzeit liefern fast ausschließlich landwirtschaftlich erzeugte Pflanzen die Grundlage von Biomasse-basierten Kunststoffen. Das können einjährige Pflanzen wie Mais, Sojabohnen oder Zuckerrüben sein oder mehrjährige wie Zuckerrohr oder Maniok, eine stärkehaltige Wurzelknolle aus den Tropen und Subtropen. Aus den Pflanzen werden Stärke, Cellulose, Zucker oder Öle gewonnen, die mit Hilfe von biotechnologischen oder chemischen Verfahren in Biokunststoffe umgewandelt werden.

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Abb. 2: Siegel des Zertifizierers DIN CERTCO für biobasierte Kunststoffprodukte
Abb. 3: Ergebnisse der Choice-Based Conjoint Analyse – Wichtigkeiten der Produkteigenschaften nach Untersuchungsobjekten getrennt (Quelle: Eigene Erhebungen C. Scherer)

Verbraucher sind bereit, mehr zu bezahlen

Artikel aus Biomasse-basiertem Kunststoff sind momentan noch circa 20 % teurer als solche aus Mineralöl-basiertem Plastik. Die steigenden Erdölpreise könnten sich aber bald auf die konventionellen Kunststoffprodukte niederschlagen. Bei einer zunehmenden Marktdurchdringung könnten die Kosten für Bioplastik außerdem aufgrund zunehmender Anlagengrößen und Absatzmengen sinken.

Dass Verbraucher grundsätzlich bereit sind, mehr für biobasierte Kunststoffprodukte zu bezahlen, hat Ulla Kainz in ihrem Forschungsprojekt herausgefunden. Sie hat 227 Personen in einer Auktion Produkte aus Bioplastik ersteigern lassen. Bei dem computergestützten Laborexperiment wurden den Teilnehmern jeweils eine Zahnbürste und eine Sonnenbrille aus Biokunststoff angeboten. Die Zahnbürste als Verbrauchsgut setzte sich aus einem zu 99 % biobasierten Griff und zu 60 % biobasierten Borsten zusammen. Die Sonnenbrille als Lifestyle-orientiertes Produkt bestand zu 53 % aus biobasiertem Material.

Vorgehensweise

Bei der Auktion erhielten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen entweder keine Informationen oder nacheinander eines von vier verschiedenen Informationspaketen in Textform über Biokunststoffe zu Rohstoffbasis und Herkunft, zu Umwelt- und Klimaeinflüssen sowie zu möglichen Landnutzungskonflikten, zu Haltbarkeit und Stabilität sowie zu Recycling und Entsorgung. Eine weitere Informationsquelle war ein Siegel mit dem Schriftzug „Nachwachsende Rohstoffe“ auf den Produkten, welches die Probanden nie zuvor gesehen hatten. Die Befragten durchliefen mehrere Auktionsrunden, an deren Ende sie jeweils ihre Zahlungsbereitschaft angeben mussten.

Ergebnisse

Im Durchschnitt waren die Teilnehmer bereit, 29 % mehr für die biobasierte Sonnenbrille und 56 % mehr für die biobasierte Zahnbürste als für das konventionelle Produkt zu zahlen. Waren die Produkte mit dem Siegel versehen, zahlten sie sogar 92 % mehr für die Sonnenbrille und 112 % mehr für die Zahnbürste. Die durchschnittliche Zahlungsbereitschaft für die Gegenstände aus nachwachsenden Rohstoffen war dabei jeweils signifikant höher als für das konventionelle Produkt.

In den Ergebnissen zeigten sich teilweise signifikante Einflüsse von Geschlecht und Alter auf die Zahlungsbereitschaft. Männer gaben insgesamt gesehen geringere Gebote ab als Frauen, vor allem wenn die Information über das Siegel transportiert wurde. Ältere Teilnehmer boten signifikant mehr für die Zahnbürste, wenn sie allgemeine Informationen erhalten hatten; mit zunehmendem Alter waren auch die Gebote für die Sonnenbrille mit Siegel signifikant höher. Dagegen hatten weder das Einkommen noch der höchste Bildungsabschluss einen Einfluss auf die Zahlungsbereitschaft.

Siegel spielt bei Kaufentscheidung eine untergeordnete Rolle

Viele Konsumenten wissen bisher nicht, dass es biobasiertes Plastik gibt beziehungsweise sie erkennen es beim Einkauf nicht als solches. Biokunststoffe können mit bloßem Auge nicht von Erdöl-basierten Kunststoffen unterschieden werden: Sie haben die gleichen Farben, Eigenschaften, Anwendungsbereiche und fühlen sich gleich an.

In einem weiteren Forschungsprojekt hat Stefanie Rumm erhoben, wie wichtig ein Siegel zur Kennzeichnung von Kunststoffen aus nachwachsenden Rohstoffen im Vergleich zu anderen Produktattributen ist. In einer Online-Umfrage befragte sie dafür 1.191 Personen, die verantwortlich für den Haushaltseinkauf sind. Als biobasierte Untersuchungsobjekte kamen dafür Einkaufstüten (n = 591) und Einweg-Trinkbecher (n = 600) zum Einsatz.

Die Daten wurden mit Hilfe einer Choice-Based Conjoint Analyse erhoben. Die Conjoint-Analyse ist ein Verfahren zur Messung von Präferenzen, Kaufabsichten und Einstellungen von Verbrauchern zu Produkten, Dienstleistungen oder anderen multiattributiven Konzepten. Das Ziel der Conjoint-Analyse besteht darin, über die Erhebung von Konsumentenpräferenzen Teilnutzenwerte für einzelne Eigenschaftsausprägungen eines Produkts zu ermitteln, also welche Eigenschaft in welcher Ausprägung dem Konsumenten welchen Nutzen stiftet. Dazu werden den Probanden mehrere Kombinationen von Produkteigenschaften und deren Ausprägungen gleichzeitig gezeigt. Aus diesen sollen die Teilnehmer diejenige Alternative wählen, die sie am meisten präferieren. In der Regel muss der Proband mehrere solcher Wahlentscheidungen nacheinander durchführen. Da die zu beurteilenden Produktalternativen zumeist über Merkmale mit erwünschten und weniger geschätzten Ausprägungen verfügen, sind die Befragten gezwungen, die Bedeutung der verschiedenen Eigenschaften relativ zueinander abzuwägen.

Bei der durchgeführten Studie zeigte sich, dass bei beiden Untersuchungsobjekten die Rohstoffbasis als wichtigste Eigenschaft wahrgenommen wird, gefolgt vom Preis, vom Anteil der nachwachsenden Rohstoffe und vom Siegel. Bei der Rohstoffbasis präferieren die Teilnehmer besonders in Deutschland produzierte Rohstoffe, wohingegen sie überseeische wie Zuckerrohr aus Brasilien oder gentechnisch veränderten Mais aus USA ablehnen. Beim Preis als zweiwichtigste Eigenschaft schneiden erwartungsgemäß niedrigere Preise besser ab. In Bezug auf den Anteil der nachwachsenden Rohstoffe bevorzugen die Probanden höhere Anteile und lehnen niedrigere Anteile eher ab.

Obwohl ein Siegel von den Befragten am unwichtigsten beurteilt wurde und es damit bei der Kaufentscheidung scheinbar eine untergeordnete Rolle spielt, gaben dennoch 58,6 % an, dass ein Siegel zur Kennzeichnung von Kunststoffen aus nachwachsenden Rohstoffen ihnen bei der Kaufentscheidung helfen könnte. 51,7 % hätten großes Vertrauen in ein Siegel, welches Biomasse-basierte Kunststoffe kennzeichnen würde (beides „stimme eher zu“ und „stimme voll und ganz zu“ auf einer 5er Likert-Skala). In Deutschland bietet der Zertifizierer DIN CERTCO vom TÜV Rheinland seit 2010 ein Gütesiegel an, das den Anteil des pflanzlichen Kohlenstoffs in biobasierten Kunststoffprodukten stufenweise anzeigt. Das Problem: 78,1 % der Studienteilnehmer kannten dieses Siegel nicht. 19 % waren sich unsicher und lediglich 2,9 % hatten es schon einmal gesehen.

Des Weiteren hielten 77,4 % der Befragten das Thema Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen für „eher wichtig“ oder sogar „sehr wichtig“. Ob sie jedoch im letzten Jahr biobasierte Kunststoffprodukte gekauft haben, wussten lediglich 15,9 % der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. 17,5 % hatten keine derartigen Artikel gekauft und die Mehrheit von 66,7 % wusste es nicht. Ein entsprechendes Siegel könnte demnach eine Möglichkeit sein, um die Käufer direkt am Point of Sale über die Existenz von Biomasse-basierten Kunststoffen zu informieren.

Herkunft der Rohstoffe ist für Verbraucher entscheidend

Im Rahmen des dritten Projekts „Verbraucherakzeptanz gegenüber biobasierten Kunststoffprodukten“ identifiziert Christoph Scherer diejenigen Produkteigenschaften, die eine weitere Marktdurchdringung von Produkten aus biobasierten Polymeren fördern oder hemmen können. Dazu befragte er 1.621 Verbraucher mit Hilfe einer Online-Umfrage in Deutschland zu den biobasierten Untersuchungsobjekten Sandspielset für Kinder, Trinkflasche für das Fahrrad und Laufschuhe. Er wendete ebenfalls die Methodik einer Conjoint-Analyse an. Das jeweilige Experiment bestand dabei aus zwölf Auswahlentscheidungen, bei denen die sieben Produkteigenschaften variierten, die in Abbildung 3 dargestellt sind.

Bei zwei von drei Untersuchungsobjekten wurde die Herkunft der Rohstoffe als wichtigste Produkteigenschaft ermittelt. Dies gilt besonders, wenn die Rohstoffe in Deutschland produziert wurden wie beispielsweise Pflanzenöl aus Raps. Importierte Rohstoffe aus außereuropäischen Ländern wurden von den Teilnehmern negativ bewertet. Besonders kritisch wurden dabei Palmöl aus Indonesien und Rizinusöl aus China betrachtet. Gerade in diesen Ländern werden starke Umweltbeeinträchtigungen vermutet, die im Widerspruch zu möglichen Vorteilen von Pflanzenölen stehen.

Beim dritten Untersuchungsobjekt stand die Verwendung heimischer Rohstoffe nicht zur Auswahl. Als Folge war die Herkunft nur zweitwichtigste Eigenschaft nach dem Produktpreis. Ansonsten war der Produktpreis die zweitwichtigste Eigenschaft, wobei erwartungsgemäß günstigere Produktalternativen vorgezogen wurden.

Die fünf weiteren ökologischen Produkteigenschaften wurden von den Befragten als ähnlich wichtig beurteilt. Die Probanden bevorzugten jedoch Produkte, die möglichst vollständig aus biobasierten Kunststoff bestanden, eine positive Umweltauswirkung verbunden mit einer hohen Einsparung an CO2-Emission hatten, keine Weichmacher oder Zusatzstoffe enthielten sowie aus biologisch sowie gentechnikfrei erzeugten Rohstoffen bestanden. Ein weiterer Nutzenvorteil ergab sich aus einem hohen funktionellen Wert.

So wurden spülmaschinengeeignete Trinkflaschen, gewichtssparende Laufschuhe und Sandspielsets mit vielen Einzelteilen bevorzugt. Abschließend erschienen Konsumenten mit einem hohen Umweltbewusstsein, mit starker Naturverbundenheit und großem Interesse an innovativen Produkten als besonders vielversprechende Zielgruppen, um eine weitere Marktdurchdringung von Produkten aus biobasierten Polymeren zu fördern. Diese Gruppen legten allerdings einen besonderen Wert auf eine hohe ökologische Produktqualität und schätzten die Verwendung heimischer Rohstoffe im besonderen Maße. Ein besonderes Interesse von Befragten mit hohem Gesundheitsbewusstsein an biobasierten Kunststoffprodukten konnte nicht bestätigt werden.