Kälber der ökologischen Milchviehhaltung in Bayern - Eine Status-Quo-Analyse sowie Marktpotentiale der kuhgebundenen Kälberaufzucht (KK) und der ökologischen Rindermast

Motivation und Hintergrund

Bio-Milch und Bio-Rindfleisch gehören zusammen!

Die ökologische Milcherzeugung in Süddeutschland hat sich stetig entwickelt und ist heute ein tragender Zweig in der Landnutzung. Ein weiteres Wachstum ist prognostiziert und wird politisch stark unterstützt (30% ökologischer Landbau in 2030, BioRegio 2030). Im Vergleich zu anderen Teilen Deutschlands zeichnet sich Bayern durch die Verwendung der Doppelnutzungsrassen Fleckvieh (FV) und Braunvieh (BV) aus. Die Kälberpreise (konventionelle Vermarktung) sowie die Mastleistung für FV und BV sind im Vergleich zu Deutsche Holsteins relativ hoch.

Dsc03473 a 3 k%c3%bche und k%c3%a4lber 01
20200814 122154 %282%29 k%c3%a4lber 01

Während die Nachfrage nach Biomilch- und Biomilchprodukten in Deutschland stetig zunimmt, ist dieser Trend bei Biorindfleisch deutlich schwächer (Henrich 2019). Biokälber werden in der Regel länger mit Vollmilch getränkt als konventionell gehaltene Kälber und sind damit in der Aufzucht teurer, ohne zugleich einen entsprechenden Mehrerlös zu erbringen, da entsprechende Vermarktungsstrukturen ungenügend ausgebaut sind. Um den finanziellen Schaden bzw. Mindererlös im Vergleich zur ökonomisch lukrativen Milcherzeugung so gering wie möglich zu halten, verkaufen Biobauern ihre Biokälber so früh als möglich in die konventionelle Mast. Durch den Einsatz von ökologischem Kraftfutter steigen die Futterkosten, aber auch die extensivere und damit längere Mast treibt die Produktionskosten in die Höhe.

Die derzeit unbefriedigende Situation wird also wesentlich durch die nicht leistungsgerechte Bezahlung der Kälber, Fresser bzw. Masttiere verursacht. Wichtige Faktoren zur Situationsänderung wären die Verbesserung der Verfahren und vollkostendeckende Preise.

Eine Möglichkeit, das Kalb auf dem Biobetrieb zu halten, ist die kuhgebundene Kälberaufzucht (KK), welche stärker dem artgemäßen Verhalten entspricht. Viele Verbraucher:innen sehen die in der landwirtschaftlichen Praxis übliche Trennung von Kuh und Kalb kurz nach dem Abkalben kritisch (Quelle). Pilotprojekte zeigen bereits die erfolgreiche Inwertsetzung dieser Produkte. So verkauft z. B. die Erzeugergemeinschaft „Demeter Heumilch-Bauern“ in Baden-Württemberg Milch- und Fleischprodukte aus KK an Edeka Südwest. Gleichzeitig haben Milchviehbetriebe in Bayern im Rahmen von Pilotveranstaltungen (Veranstalter: Schweisfurth Stiftung, Andechser Molkerei Scheitz) großes Interesse an dieser Aufzuchtmethode gezeigt. Sie sehen dabei neben höheren Preisen für Milch und Fleisch auch Chancen für die Betriebsorganisation. Die KK ist jedoch noch sehr wenig verbreitet und wird von den praktizierenden Betrieben individuell ausgestaltet. Speziell für die bayerische Situation mit FV- und BV-Kühen liegen keine Planungsdaten der KK als Entscheidungshilfe vor.

Das Thünen-Institut, die Uni Kassel und das FIBL, Schweiz forschen bereits seit dem Jahr 2004 zu dem Thema KK. Die vorliegenden Erkenntnisse sollen auf die bayerischen Strukturen und Gegebenheiten übertragen und durch die neu gewonnenen Ergebnisse sinnvoll ergänzt werden. Außerdem sollen zur klaren Definition des bisher nicht geschützten Begriffes der „Kuhgebundenen Kälberaufzucht“ Mindeststandards festgelegt werden.

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor für eine nachhaltige und gesellschaftlich akzeptierte Öko-Milchproduktion ist dabei die Berücksichtigung von Milch und Fleisch. Jedes geborene Kalb soll auch im Hinblick auf die Fleischnutzung nachhaltig in Wert gesetzt werden. Dazu sollen zusammen mit den Projektpartnern sowie weiteren Interessierten Potentiale ermittelt und nach Möglichkeit modellhafte Wertschöpfungsketten für Öko-Milch und Öko-Rindfleisch initiiert und mit deren Aufbau begonnen werden.

Die bayerischen Ökomodellregionen (ÖMR) könnten als Projektpartner ideale Mittler sein. Die Einbindung zentraler Akteure der Wertschöpfungsketten hat zum Ziel, Vermarktungspotentiale von Anfang an möglichst praxisnah zu berücksichtigen. Die Weiterentwicklung der landwirtschaftlichen Betriebe kann nur dann erfolgreich gelingen, wenn die Leistungen am Markt honoriert werden und die Systeme ineinandergreifen.

Hauptzielsetzung

„Bioleben" für Biokälber – nachhaltigere Milch- und Rindfleischerzeugung durch geschlossene Bio-
Wertschöpfungsketten und kuhgebundene Kälberaufzucht (KK)

Beschreibung der Forschungslücke

Zur Vermarktung bzw. Verwertung von Kälbern aus bayerischen Öko-Milchviehbetrieben liegen derzeit keine belastbaren Daten vor. Es ist aber davon auszugehen, dass nur ein sehr geringer Anteil in der Biowertschöpfungskette verbleibt und letztendlich als Öko-Rindfleisch vermarktet wird. Dies ist vermutlich den meisten Konsumenten von Öko-Milch so noch nicht bewusst und würde im Falle einer medialen Verbreitung durchaus berechtigtes Skandalpotential beinhalten. Die Ermittlung aktueller und belastbarer Zahlen sowie die Identifizierung möglicher alternativer Wege zur derzeit gängigen Praxis sind unbedingt notwendig, um das grundsätzlich positive Image der Konsumenten zur Biolandwirtschaft auch auf Dauer sichern zu können und einer mittelfristig aufkommenden Debatte zur Thematik proaktiv begegnen zu können. Biorindfleisch regional und naturnah erzeugt hat grundsätzlich Marktpotential.

Um zusätzliche Vermarktungswege erschließen zu können, braucht es einen zusätzlichen Mehrwert für die Verbraucher:innen, der beispielsweise durch eine KK entstehen kann. Ob der für den Mehrwert notwendige zusätzliche Aufwand sich aus betriebswirtschaftlicher Sicht rechnet, ist zentral für den langfristigen Erfolg der Vermarktung. So hat das Thünen-Institut für norddeutsche Verhältnisse höhere Kosten pro Kalb von mindestens 137 € ermittelt (Tergast et al. 2018). Für bayerische Rahmenbedingungen gibt es bisher keine Vergleichswerte. Insbesondere für die bayerischen Doppelnutzungsrassen Fleckvieh und Braunvieh werden vollständige und belastbare Kalkulationsdaten zum Mehraufwand einer Kuhgebundenen Kälberaufzucht gegenüber einer mutterlosen Kälberaufzucht mit Tränke benötigt.

Das Interesse an KK wird von allen Stufen der Wertschöpfungskette bekundet. Dass es jedoch kaum Produkte aus KK für die Verbraucher:nnen zu kaufen gibt, liegt an Hemmnissen innerhalb der Wertschöpfungskette. Wo genau die hemmenden Faktoren liegen, welche Lösungsansätze diese überwinden können, wie das Verfahren im Vergleich zu alternativen Aufzuchtkonzepten abschneidet und welche Marktpotentiale noch erschlossen werden können, ist bisher nicht beschrieben. Ebenso liegt kein Mindeststandard vor, der den beteiligten Akteuren eine notwendige Orientierung geben kann.

Teilziele

  1. a) Identifikation des Status-Quo der Kälberaufzucht, der Verwertung und der Potentiale von Kälbern der
    bayerischen ökologischen Milchviehhaltung.
    b) Beschreibung neuer Differenzierungs- und Absatzmöglichkeiten von Kälbern ökologischer Milchviehbetriebe
    und ökologischen Rindfleisches.
    c) Erarbeitung eines Masterplans zur konsequenten Doppelnutzung von Fleckvieh und Braunvieh bis 2030.
  2. Ökonomische Einordnung der Verfahren zur kuhgebundenen Kälberaufzucht (KK) auf dem Milchviehbetrieb
  3. a) Ermittlung der Potentiale von KK für neue Wertschöpfungsketten von Milch und Fleisch mit den Marktpartnern
    b) Information, Vernetzung und Entscheidungshilfen zur KK verbessern
    c) Erarbeitung und Verbreitung eines Mindeststandards für kuhgebundene Kälberaufzucht (KK) in Bayern

Projektförderung

Das Projekt wird im Rahmen der Forschungs- und Innovationsförderung des Bayerisches Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (StMELF) gefördert - Forschungskennzeichen: A/20/13

Ergänzung zum Abschnitt "Projektpartner" bei den Projektdaten rechts

Von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft sind folgende Institute beteiligt:

  • Institut für Betriebswirtschaft und Agrarstruktur
  • Institut für Ökologischen Landbau, Bodenkultur und Ressourcenschutz
  • Institut für Tierernährung und Futterwirtschaft
  • Institut für Landtechnik und Tierhaltung
  • Institut für Ernährungswirtschaft und Märkte

Vom Landeskuratorium für pflanzliche Erzeugung in Bayern e.V. sind folgende Erzeugerringe beteiligt:

  • Bioland Erzeugerring Bayern e.V.
  • Erzeugerring für naturgemäßen Landbau e.V. (Naturland)
  • Biokreis Erzeugerring e.V.
  • Demeter Erzeugerring für Biologisch-Dynamischen Landbau e.V.