Verhalten von Rindern bei Brandfällen und Strategien zur Evakuierung und Erstversorgung am Unglücksort (Regroba)

Das Teilprojekt der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf ist Teil des vom BMEL geförderten Verbundprojektes "Rettung von Großvieh bei Brandereignissen landwirtschaftlicher Gebäude in Holzbauweise".

Gesamtziel des Verbundvorhabens

Die Entwicklung der Landwirtschaft von kleinstrukturierten Betrieben hin zu industrieähnlichen Großerzeugern bedingt auch Anpassungen der Gebäudegrößen. Dabei werden aufgrund politischer, wirtschaftlicher und tierökologischer Rahmenbedingungen sowie eines geänderten Verbraucherverhaltens bei Um- und Neubauten ausschließlich Laufställe errichtet. Der dadurch höhere Platzverbrauch je Großvieheinheit in Kombination mit Betriebsvergrößerungen erfordert immer größere Stallgebäude. Für eine optimale Ablaufplanung im Stall werden dafür möglichst große Flächen ohne brandschutztechnische Trennung benötigt.
Demgegenüber stehen die Forderungen der Landesbauordnungen und Versicherungsträger nach einer brandschutztechnisch wirksamen Unterteilung in einzelne Brandabschnitte. Dabei werden unterschiedliche Schutzziele verfolgt: Der Gesetzgeber stellt als primäres Ziel die Rettung von Mensch und Tier in den Vordergrund, für die Versicherungsträger steht hingegen die Schadensbegrenzung an den Gebäuden an oberster Stelle. Dies spiegelt sich auch in den Versicherungsleistungen wider, im Brandschadensfall sind in der Regel die Schäden an Gebäuden abgedeckt, nicht oder nur marginal der Schaden durch den Verlust von Tieren und somit der Produktionsgrundlage des Betriebes.

Hier setzt das Projekt REGROBRA an. Durch die Entwicklung eines übergreifenden Konzeptes zur Tierrettung, das sowohl bauliche, anlagentechnische als auch organisatorische Maßnahmen verknüpft, soll der Schaden durch den Verlust von Tieren aufgrund mangelnder Rettungsmöglichkeiten begrenzt oder verhindert werden. Zum einen durch bauliche Maßnahmen wie der Schaffung von gesicherten Fluchtkorridoren mit geringer Brandlast. Diese ermöglichen in Kombination mit anlagentechnischen Maßnahmen im Brandfall die Fluchtmöglichkeit für einen begrenzten Zeitraum. Zum anderen sollen die Bewegungsabläufe der Tiere mit dem Verhaltensmuster im Brandfall abgestimmt und in entsprechende Konzepte integriert werden.

Vor allem das kalkulierbare Brandverhalten von Holz kann bei dem Korridorkonzept einen entscheidenden Vorteil bringen. Dieses wird durch einen innovativen Ansatz der Fluchtwegöffnung ins Freie ergänzt. Diese Korridore bzw. Tore können im Brandfall durch die Feuerwehr geöffnet werden, um den Tieren die Flucht zu ermöglichen. Allerdings sind diese Ansätze von einer frühzeitigen Alarmierung im Rahmen des abwehrenden Brandschutzes abhängig. REGROBRA integriert diese Methode in den Korridoransatz und verknüpft dabei bekannte Methoden der Rauch- und Branderkennung mit robusten, automatischen Öffnungsmechanismen in den Fluchtkorridoren.

Schließlich sollen geeignete Schulungsmaßnahmen in der Ausbildung landwirtschaftlicher Facharbeiter und Agraringenieure die Bewusstseinsbildung der Gefahren- und Problemerkennung in Zusammenhang mit der Tierrettung im Brandfall fördern und typisches, aber oft entscheidendes Fehlverhalten von Mensch und Tier im Brandfall zu minimieren.

Teilprojekt 2: Verhalten von Rindern bei Brandfällen und Strategien zur Evakuierung und Erstversorgung am Unglücksort (Hochschule Weihenstephan- Triesdorf)

Neben der mangelnden Statistik gibt es keine einheitlichen Aussagen über das Verhalten von Rindern im Brandfall. Es finden sich in der Literatur zwar einige Fallstudien und wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Brandfall in der Landwirtschaft, es werden jedoch meist Brandfälle in Pferdeställen und das Verhalten von Pferden bei Brandereignissen betrachtet. Das Verhalten der Rinder hängt stark davon ab, ob die Tiere daran gewöhnt sind, ihre Stallungen zu verlassen. Auch ist der Erfolg der Rettung davon abhängig, ob die eingesetzten Personen Erfahrung im Umgang mit Rindern haben. Nach ALB Hessen besteht gegenüber anderen Tiergattungen bei Milchkühen am ehesten die Möglichkeit, mit Hilfe der Betriebsangehörigen die Tiere durch ausreichend vorhandene Tore aus dem Gebäude zu treiben. Auch erleichtert es die Rettung der Rinder, wenn sie durch den gewohnten Ausgang ausgetrieben werden. Dennoch ist das Verhalten von Tieren in Panik oft nicht abzusehen, sodass es zu nicht abschätzbaren Reaktionen kommen kann, die zu einer unmittelbaren Gefahr für den Menschen werden.

Zu beachten ist bei allen Rettungsversuchen, dass eine Tierrettung nur in Absprache mit den Einsatzleitern der Feuerwehr durchzuführen ist. Neben der Gefahr des Verbrennens ist die häufigste Todesursache von Tieren bei Brandereignissen die Rauchintoxikation. Auch Tiere in nicht direkt vom Brand betroffenen Stallungen können durch den Brandrauch von angrenzenden Feuern gefährdet werden. Rinder sind davon stärker betroffen, da sie im Verhältnis zu ihrer Lebendmasse ein verhältnismäßig kleines Lungenvolumen aufweisen. So ist es umso wichtiger, Konzepte zu entwickeln, die es sowohl ermöglichen, im Brandfall die Tiere auf gewohnten Triebwegen zügig aus dem Stall zu bringen als auch nach dem Brandfall artgerecht zu versorgen.
Da sich die Stallungen stark nach Nutzungsart unterscheiden, wird im ersten Arbeitspaket die zu betrachtende Nutzungsart Rind mit Fokus auf Milchkühe festgelegt. Des Weiteren sollen vorhandene Konzepte analysiert und verifiziert werden. Auch sollen Brandschutzkonzepte für andere Tierarten (Pferd, Schwein) und andere Nutzungsrichtungen betrachtet werden und ggf. eine Grundlage erarbeitet werden.

Im weiteren Verlauf wird das Flucht- und Vermeidungsverhalten der Rinder in Ausnahmesituationen analysiert, sowohl beim Einzeltier als auch im Herdenverhalten. Für eine bestmögliche Versorgung der geretteten Tiere werden Anforderungen an den Außenbereich, für Sammelstellen, Triagestellen und Erstversorgungsstellen ausgearbeitet. Aus allen Informationen wird ein mögliches Konzept für einen bestehenden Betrieb ausgewertet, welches anschließend getestet werden soll.