Statistik Gartenbau Bayern - Fokus Obstbau

Im Vergleich zu anderen landwirtschaftlichen Teilsektoren hat Bayern bundesweit im Obstanbau eine untergeordnete Bedeutung. Dies zeigt sich in den Flächenanteilen, im Produktionswert und auch im niedrigeren Selbstversorgungsgrad an Obst bei der bayerischen Bevölkerung. Dennoch sind einzelne Anbauregionen erfolgreich im An-bau und der Vermarktung von Frischobst und verarbeiteten Obstprodukten (z. B. Äp-fel, Kirschen, Erdbeeren). Neben dem Erwerbsanbau erfüllt der Freizeit- und Streu-obstbereich u. a. eine wichtige Versorgungsfunktion.
Apfel

Abbildung: In Bayern werden Tafel- und Mostäpfel auf über 1.100 ha produziert (Foto: Gabriel)

Ziele der Studie

  • Aktualisierung der 2010 publizierten Statistik Gartenbau Bayern für den bayerischen Obstbau (Beiersdorf et al., 2010)
  • Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des bayerischen Obstsektors
  • Detaillierte Untersuchungen der bedeutenden Anbauregionen Bodensee (Apfel) und Fränkische Schweiz (Süßkirschen)

Die bayerische Obstproduktion

  • Der Obstbau in Bayern ist traditionell geprägt von kleineren Betrieben, die vorwiegend in konzentrierten Anbauregionen wirtschaften. Die, bezogen auf die Anbaufläche, wichtigsten Obstarten sind Erdbeeren (1.979 ha), Tafeläpfel (859 ha), Süßkirschen (579 ha) und Johannisbeeren (454 ha).
  • Erwerbsobstbau betreiben rund 1.670 landwirtschaftliche Betriebe, die auf 5.815 ha Obst produzieren (Referenzjahr 2018). Der Anbau unter Schutzabdeckungen (z. B. bei Beerenobst) spielt aktuell noch eine untergeordnete Rolle. Rund 600 Spezialbetriebe, mit einem eindeutigen Schwerpunkt in der Obstproduktion, existieren noch in Bayern.
  • Nur 10 % der Betriebe verfügen über Anbauflächen größer als 10 ha. Häufig wird der Obstanbau im Nebenerwerb betrieben.
  • Die in Bayern erzeugten Gesamtmengen schwanken jährlich sehr stark. Ein Großteil des in Bayern verbrauchten Obstes wird importiert (u. a. Bananen, südländisches Obst). Der Selbstversorgungsgrad liegt im Mittel bei knapp 7 % und damit deutlich unter dem bundesweiten Wert (ca. 13 bis 16 %).
  • Dem bayerischen Erwerbsobstbau (Spezialbetriebe und landwirtschaftliche Betriebe mit Obstanbau) können rund 4.700 Beschäftigte zugeordnet werden, wobei ein Großteil davon durch Saisonarbeitskräfte, z. B. für die Ernte, gedeckt wird (ca. 70 % der Beschäftigten).
  • Bei Äpfeln, Johannisbeeren, Aronia-Beeren und Holunder liegen hohe Anteile an Bio-Anbauflächen vor. Der gesamte Anteil an Bio-Flächen für Obst wird auf rund 17 % geschätzt (ca. 800 ha).
  • Der Anbau von Streu- und Wirtschaftsobst zur Weiterverarbeitung ist in Bayern von ho-her Bedeutung. Etwa 20 % des produzierten Obstes geht in die Verarbeitung. Der Streuobstbestand (vor allem Äpfel und Birnen) wird auf etwa 72.500 ha geschätzt.

Absatzstrukturen im bayerischen Obstsektor

  • Der gesamte Obstsektor in Bayern wird dominiert von Importware (z. B. Südfrüchte, aber auch Ware aus europäischen Anbauregionen mit gemäßigtem Klima). In Bayern produziertes Obst (ca. 74.000 t in 2016) wird über den Handel oder direkt vermarktet.
  • Auf der zweiten Großhandelsstufe werden mehr als eine Million t Obst umgesetzt – der Importanteil liegt bei 85 %. Etwa 37.000 t an Obst gehen in den Export.
  • Die abschließende Absatzstufe unterteilt sich in den Einzelhandel (u. a. LEH, Fachge-schäfte, Direktabsatz) und Großverbraucher (Beherbergung, Gastronomie) und umfasst etwa 900.000 t an Frischobst und verarbeiteter Ware.

Bestimmung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Obstbaus

  • Anhand der angewandten Produktionscluster-Methode lassen sich volkswirtschaftliche Indikatoren des bayerischen Obstsektors für alle beteiligten Wirtschaftsbereiche (Produktionsstufe (=Clusterkern), vorgelagerte, nachgelagerte und stufenübergreifende Wirtschaftszweige) errechnen. Referenzjahr für die Berechnungen ist 2018.
  • Neben der Anzahl an Beschäftigten werden drei weitere Indikatoren der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung verwendet. Der Produktionswert ist der Umsatz (Verkaufserlöse) zuzüglich dem Mehrbestand an eigenen Erzeugnissen und selbsterstellten Anlagen. Der Produktionswert enthält auch die von anderen Wirtschaftseinheiten bezogenen Vorleistungen. Zieht man diese ab, ergibt sich die Bruttowertschöpfung.
  • In drei vorgelagerten Wirtschaftsbereichen werden Leistungen erfasst, die anteilig dem bayerischen Obstbau zugeordnet werden können. Diese direkt und indirekt zuordenbaren Wirtschaftszweige generieren Umsätze von 17 Mio. € und eine Wertschöpfung von über 5 Mio. € durch den bayerischen Obstbau.
  • In den nachgelagerten Wirtschaftsbereichen (Großhandel, Verarbeitung, Einzelhandel und Großverbraucher) wird ein Produktionswert von 2,2 Mrd. € durch Obstprodukte erreicht. Die Bruttowertschöpfung des Obstsektors in den nachgelagerten Wirtschaftsbereichen liegt bei 940 Mio. €.
  • Insgesamt errechnen sich für den gesamten Sektor Gesamtumsätze von 5,2 Mrd. € und mehr als 40.000 zuordenbare Beschäftigte. Aufgrund des hohen Importanteils werden 98 % der Erlöse in den der bayerischen Obstproduktion nachgelagerten Wirtschaftszweigen erwirtschaftet.
  • Legt man nur die in Bayern produzierten Mengen zugrunde, so hat die Erzeugerstufe einen Anteil von 7,6 % an den Gesamtumsätzen heimischer Produktion von 638 Mio. €.
  • Der Wert der bayerischen Obstproduktion (58 Mio. € in 2018) lässt sich in etwa mit Nachbarländern wie Tschechien (55 Mio. €) oder Dänemark (40 Mio. €) vergleichen. Der Produktionswert von Obst in Deutschland liegt bei rund 1,2 Mrd. € (in 2017).

Untersuchung zweier wichtiger Anbauregionen in Bayern

In 19 Interviews mit Personen aus den Bereichen Produktion, Verarbeitung und Handel, Beratung und Erzeugerverbände wurden Meinungen zur aktuellen Situation und zu zu-künftigen Entwicklungen der beiden Anbaugebiete Bodenseeregion und Fränkische Schweiz erfasst und qualitativ ausgewertet.

  • Die Fränkische Schweiz gilt als traditionelle Steinobstanbauregion im Landkreis Forchheim und Umgebung. Es gilt als größtes geschlossenes Anbaugebiet von Süßkirschen in Europa.
  • Der Anbau ist geprägt von vielen Nebenerwerbsbetrieben, die über genossenschaftliche Strukturen vermarkten. Einige Haupterwerbsbetriebe setzen teilweise ein erweitertes Obstsortiment direkt an den Handel oder durch Formen der Direktvermarktung ab.
  • Der Obstbau in der Fränkischen Schweiz leidet unter den klimatischen Veränderungen (verfrühte Blüte, Spätfröste, Hagelereignisse), die in den letzten Jahren zu erheblichen Ernteausfällen führten. Besonders die Wasserknappheit macht sich bemerkbar.
  • Der Preis- und Qualitätsdruck auf die Produzent*innen nimmt zu. Ausländische Konkurrenz und zunehmende Anforderungen an Qualitätsstandards im LEH werden u. a. als Hauptgründe genannt.
  • In der Bodenseeregion um Lindau ist die Hauptanbauregion von Äpfeln in Bayern verortet. Der bayerische Teil ist mit den Produzent*innen im benachbarten Baden-Württemberg verbunden und versteht sich als gemeinsame Anbau- und Vermarktungsregion.
  • Viele Produzent*innen profitieren von einer überregionalen Vermarktung über schlagkräftige Vermarktungsorganisationen und der Grenznähe nach Österreich und der Schweiz.
  • Obwohl klimatische Ereignisse wie Hagel oder Frost zunehmende Risiken darstellen, bietet die Wasserverfügbarkeit im Vergleich zu anderen Regionen einen Standortvorteil.
  • Als Herausforderungen für den Obstbau am Bodensee werden v. a. die sinkende Verfügbarkeit von Saisonarbeitskräften, die hohen Anforderungen des Handels, mangelnde staatliche Unterstützung und gesetzliche Rahmenbedingungen gesehen (z. B. Beratung, Mindestlohn, Imageverlust der Landwirtschaft).

Abschlussbericht und Kurzzusammenfassung zum Download

Publikationen

Gabriel, A.; Hannus, T.; Stiele, V. (2021): Statistik Gartenbau Bayern - Fokus Obstbau. Endbericht.
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