Initiierung und Einrichtung eines Streuobstwiesen-Kompetenzzentrums im Lallinger Winkel

Hintergrund

Streuobstwiesen sind als traditionelle, extensive landwirtschaftliche Nutzungssysteme aus diversen Gründen von sehr hohem Wert, insbesondere aufgrund der beachtlichen Biodiversität in faunistischer und floristischer Hinsicht, welche unter anderem durch die Kombination von Grünland und Gehölzen bedingt ist. Streuobstwiesen erfüllen wichtige Ökosystemleistungen, so erbringen sie neben der Obstproduktion, beispielweise Regulierungsleistungen in Stoffkreisläufen und tragen zum Grundwasserschutz bei. Ebenso weisen Streuobstwiesen eine besondere Bedeutung im Hinblick auf Erholung, Tourismus, Identität und Kulturerbe auf.

Wenngleich diese positiven Wirkungen von Streuobstwiesen eindeutig belegt sind, so sind Streuobstwiesen aus betriebswirtschaftlicher Sicht für wirtschaftlich orientierte Betriebe keine ideale Flächennutzung, da der monetäre Gewinn gegenüber intensiven landwirtschaftlichen Kulturen begrenzt ist und die Streuobstbestände sehr arbeitsintensive Kulturen mit hohem manuellen Arbeitsaufwand sind, welcher nicht wertgeschätzt wird. Daher, aber auch aus anderen Gründen nehmen die Streuobstbestände insgesamt ab und sind häufig in schlechtem Erhaltungszustand.

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Obstwiese der Firma "IG bio-zertifiziertes Streuobst Lallinger Winkel GbR" in Lalling, im Hintergrund die Kirche von Lalling (Foto: Peter Blum)

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Obstwiese der Firma "IG bio-zertifiziertes Streuobst Lallinger Winkel GbR" in Lalling (Foto: Peter Blum)

Vorgehensweise und Zielsetzung

Um die Streuobstregion Lallinger Winkel zu fördern sowie die Streuobstbestände zu sichern und zu nutzen, soll mittelfristig ein Streuobstwiesen-Kompetenzzentrum realisiert werden. Der Kerninhalt dieses Projekts sind die Vorarbeiten dazu, welche die Vernetzung von sämtlichen Akteuren und Kompetenzen im Bereich Streuobst, die Ausarbeitung von Forschungs- und Projektanträgen sowie die Durchführung von Bildungs- und Freizeitangeboten umfasst. Im Rahmen des Projekts soll zusammen mit der IG bio-zertifiziertes Streuobst Lallinger Winkel GbR, der ARGE-Lallinger Streuobst und den Gemeinden im Lallinger Winkel in der ersten Phase eine Kooperationsvereinbarung über gemeinsame Forschungsaktivitäten geschlossen werden. Weitere lokale Akteure werden im Laufe des Projekts mit eingebunden.

Gestützt auf drei Säulen sollen Kompetenzen in gesellschaftlich relevanten Bereichen rund um das Thema Streuobst aufgebaut werden:

  1. Produktionssäule (Anbau, Verarbeitung, Vermarktung)
  2. Ökosystemsäule (Bedeutung von Natur- und Artenschutz)
  3. Kulturlandschaftssäule (einschließlich Tourismus und Fremdenverkehr)

Auf dieser Basis werden konkrete gemeinsame Projekte initiiert. Die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf berät und unterstützt die regionalen Akteure bei der Vorbereitung, Antragstellung und Durchführung von Forschungsprojekten in den drei Themenbereichen.

Um ideale Voraussetzungen für eine erfolgreiche Förderakquise zur Realisierung des Kompetenzzentrums zu schaffen, werden bestehende praktische und wissenschaftliche Kompetenzen vernetzt und die vielfältigen Aktivitäten im Lallinger Winkel rund um das Thema Streuobst gebündelt und intensiviert. Diese erstrecken sich von Maßnahmen zur Kulturlandschaftspflege über Erzeuger- und Vermarktungsinitiativen bis hin zu Freizeit- und Bildungsangeboten. Der Lallinger Winkel besitzt mit den existierenden, teilweise über 100-jährigen Streuobstwiesen über sehr wertvolle Musterbestände und eine hohe Praxiskompetenz der regionalen Akteure.

Im Gegensatz zu bestehenden Streuobstwiesenkompetenzen in Bayern sollen hier die drei genannten Themenbereiche eng verzahnt werden, so dass es weder eine einseitige Naturschutzkompetenz noch eine einseitige Produktkompetenz gibt, sondern alle Bereiche eng verknüpft werden. Gerade für die touristische und heimatkundliche Bedeutung ist die Einbindung regional verankerter Akteure von hohen Relevanz.

Mittelfristig ist in der zweiten Phase die Errichtung eines Kompetenzzentrums für den Streuobstanbau angedacht, das dauerhaft etabliert werden soll und mit entsprechenden Fachpersonal im Lallinger Winkel angesiedelt sein könnte. Dort sollten dann relevante Aufgaben rund um das Thema verstetigt werden. Das betrifft beispielsweise den Wissensaustausch über Anbau, Verarbeitung und Vermarktung sowie die Umweltbildung, ebenso wie die Kulturlandschaftspflege und die touristische Nutzung.

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Kartierung der Streuobstbestände im Lallinger Winkel April/Mai 2021

Im Rahmen des Projekts sollen zwischen April-Mai 2021 die Streuobstbestände im Lallinger Winkel erfasst und deren Zustand dokumentiert werden. Die Kartierung findet im Rahmen einer von der HSWT betreuten Bachelorarbeit statt. Die geplante Kartierung soll Aufschluss über die derzeitige Bestandssituation und Charakteristika der Streuobstbestände im Lallinger Winkel geben. Dabei werden Daten wie die Obstart, Altersphase, Pflegezustand, Unternutzung und das Vorkommen von Strukturelementen (Hecken, Totholz, Höhlen, Reisighaufen etc.) erfasst.  Im Anschluss an die Bestandserfassung sollen mit einem Teil der Eigentümer und Bewirtschafter der Streuobstwiesen freiwillige Interviews durchgeführt werden.

Für welchen Zweck wird kartiert

Ziel des Projektes ist es, alle Streuobstbestände in den Gemeinden Lalling, Grattersdorf, Hunding und Schaufling zu erfassen und auf dieser belastbaren Datengrundlage gezielt Maßnahmen zur Pflege, Nachpflanzung, Neuanlage und zur ökologischen Aufwertung der Streuobstbestände vorzuschlagen sowie Entwicklungsprognosen abzuleiten. 

Vorgehensweise

Vor Beginn der Kartierung werden Luftbilder ausgewertet, um denkbare Streuobstbestände zu ermitteln. Die aus dem Luftbild erfassten Streuobstbestände werden dann anschließend im Gelände genauer betrachtet. Kartiert werden Streuobstbestände, die die traditionelle, extensiv bewirtschaftete Form des Obstbaus in Unterscheidung zum intensiven Niederstamm-Obstbau in Plantagen darstellen. Erfasst werden Halb- und Hochstämme in flächiger und linearer Anordnung (ab 10 Bäume) auf unterschiedlich genutzten Flächen. Die Streuobstbestände werden von der Studentin mittels eines standardisierten Erfassungsbogens erfasst. Der Erfassungsbogen beschreibt die wesentlichen Merkmale eines Bestandes und gewährleistet die Vergleichbarkeit der Erfassungsergebnisse untereinander.

Was passiert mit den Ergebnissen der Kartierung?

Eine Kartierung der Streuobstbestände im Lallinger Winkel erzeugt eine umfassende Datengrundlage für die Region, welche in vielerlei Hinsicht genutzt werden kann und den Gemeinden anschließend in digitaler Form langfristig zur Verfügung steht. Auf Grundlage der erhobenen Daten können Maßnahmen zum Erhalt der Streuobstbestände angeregt und gezielt umgesetzt werden. Auch zeigt die Kartierung den Handlungsbedarf hinsichtlich notwendiger Unterstützung der Streuobstwiesenbewirtschafter auf. Die Ergebnisse der Kartierung sollen den Besitzern und Besitzerinnen in einer Veranstaltung vor Ort vorgestellt werden. Weiterhin werden wir bei einer Exkursion mit Interessierten und Flächeneigentümern/-bewirtschaftern im Juli 2021 ausführlich erläutern, wie bei der Kartierung vorgegangen wurde und weshalb.

Notwendige Voraussetzungen für die Kartierung

Für die Kartierung der Streuobstbestände ist es unerlässlich, dass die Bachelorstudentin alle Flächen mit Streuobst betreten kann. Erfasst werden sollen Flächen ab 10 Bäumen. Die Studentin wird sich sehr umsichtig verhalten und keinerlei Schaden auf den Streuobstwiesen verursachen. Insofern hoffen wir, dass der Studentin im Rahmen ihrer Bachelorarbeit der Zugang zu den Streuobstbeständen gewährt wird.

LEADER Projekt genehmigt

Für das im Rahmen des Kooperationsprojekts "Streuobstwiesenkompetenzzentrum Lallinger Winkel" entwickelte LEADER Projekt "StreuobstWISSEN- Kompetenz vor der Haustüre" wurden nun LEADER-Mittel bewilligt.

Im Rahmen des LEADER Projektes unter der Trägerschaft der VG Lalling soll der Erhalt von Streuobstwiesen im Lallinger Winkel durch verschiedene Bildungsangebote unterstützt werden.

Als Kooperationspartner im Projekt "Streuobstwiesenkompetenzzentrum Lallinger Winkel" hat die HSWT mit Unterstützung der LEADER Managerin Stefanie Frank den LEADER Antrag ausgearbeitet und beim zuständigen Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten eingereicht.

Inhalt des LEADER Projekts

Es gibt bereits zahlreiche Akteure, die sich mit dem Thema Streuobst im Lallinger Winkel beschäftigen. Diese Akteure setzen sich aktiv für den Erhalt der Streuobstwiesen ein. Da viele und vor allem motivierte Akteure vor Ort einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren für den Streuobsterhalt sind, gilt es, diese Akteure zu unterstützen und zu motivieren, sich weiterhin für die Streuobstwiesen zu engagieren als auch neue Streuobstaktive zu gewinnen. Dies soll durch Angebote zur fachlichen Qualifizierung und Weiterbildung zum Thema Streuobstwiesen erreicht werden.

Ausbildung von ehrenamtlichen Streuobstwiesenberatern

Im Rahmen des Projekts sollen daher Streuobstwiesenberater ausgebildet werden. Die ehrenamtlichen Streuobstwiesenberater sollen anschließend in den Gemeinden des Lallinger Winkels und im gesamten Landkreis bei Fragen rund um das Thema Streuobst beratend zur Seite stehen. So soll ein fachlich versiertes Netzwerk aus Streuobstwiesenberater im Lallinger Winkel entstehen. Die Streuobstwiesenberater sollen aktiv und beratend als Multiplikatoren eine dauerhafte Pflege der Streuobstbestände ermöglichen. Der Lehrgang umfasst 7 Wochenenden (11 ½ Tage) und besteht aus 8 verschiedenen Modulen zu unterschiedlichen Themen (z.B. Ökologie der Streuobstwiese, Planung & Pflanzung, Schnitt, Sortenkunde, Streuobstwiesenpädagogik etc.) Ziel der Ausbildung ist es, ein Grundlagenwissen in allen Bereichen des Streuobsts zu vermitteln. Je nach Interesse können sich die Streuobstwiesenberater nach dem Lehrgang in den verschiedenen Bereichen vertiefen und engagieren. Im Rahmen der Ausbildung soll daher gemeinsam mit den Teilnehmer*innen herausgearbeitet werden, wo sie in Zukunft den persönlichen Schwerpunkt ihres Engagements im Streuobstbereich sehen und wie sie dies umsetzen können.

1-tägige Fortbildungen/Fachvorträge zu verschiedenen Themenkreisen

Insgesamt sollen im Projektzeitraum sechs 1-tägige Fortbildungen/Fachvorträge zu den Themenkreisen Streuobstbewirtschaftung, Natur- und Artenschutz auf der Streuobstwiese, Streuobstverwertung und Streuobstvermarktung durchgeführt werden. Die Themen der Fortbildungen sind am Bedarf der Akteure vor Ort auszurichten und werden in gemeinsamen Treffen des Streuobstwiesenkompetenzzentrums erarbeitet.

Projektmanagement

Begleitet wird das ganze Projekt durch ein/e Projektmanager*in, welche/r Teilnehmer*innen für die Ausbildung gewinnt, die organisatorische Abwicklung der Ausbildung sowie der Fortbildungen, die betriebswirtschaftliche Steuerung des LEADER-Projekts, die Netzwerkarbeit und die Evaluierung des Projektes übernimmt.

Presseberichte und Medienbeiträge

Pressebericht, . (2021): Von Streuobstwiesen zum Streuobst-Wissen-Erstmals sollen Berater ausgebildet werden. Passauer Neue Presse, Online am 11.03.2021.
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Schrapp (geb. Szücs), L.; Radlmayr, G. (2021): Dritter Freisinger Streuobstwiesentag am Schafhof goes international. Forschungs-News der HSWT, 22.09.2021.
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Pressebericht, . (2021): Wertvolle Streuobstwiesen:Führung in Lalling mit Fachleuten der Hochschule Weihenstephan. Passauer Neue Presse, Online am 06.08.2021.
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Pressebericht, . (2020): Blühende Wiesen unter alten Bäumen - Artenreicher Lebensraum: Führung durch die Streuobstwiese der Familie Gruber. Passauer Neue Presse, Online am 30.08.2020.
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Pressebericht, .; Reinke, M. (2020): Lallinger Winkel erhält Streuobstwiesenkompetenzzentrum. Pressemitteilung des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst, 21.02.2020.
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Newsmeldung HSWT, .; Reinke, M. (2019): HSWT bringt Kompetenzzentrum Streuobstanbau in Niederbayern mit auf den Weg. Forschungs-News der HSWT, 03.05.2019.
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