Grenzüberschreitendes Konzept für Naturschutz und Naturerlebnis im Gebiet des Böhmischen Waldes und der Oberpfalz

Im bayerisch-tschechischen Grenzgebiet, im Bereich des Landschaftsschutzgebiets Böhmischer Wald sowie der Naturparke Nördlicher Oberpfälzer Wald, Oberpfälzer Wald und Oberer Bayerischer Wald (Abbildung 1) zeigt sich ein zunehmender Bedarf, den Schutz der Natur, des Landschaftsbildes und der hohen biologischen Vielfalt zu optimieren. Von Interesse ist dabei das Verhältnis zwischen den Belangen des Naturschutzes einerseits und der weiteren Entwicklung des Tourismus andererseits. Derzeit steigt das Interesse, die grenznahen Gebietsflächen für Tourismus und Erholung zu nutzen. Dieses Interesse ist mit einem schnellen, oft unkoordinierten Ausbau der begleitenden Infrastruktur verbunden, der eine Beeinträchtigung des erhaltenen Naturzustandes und somit einen Konflikt mit den Belangen des Naturschutzes und dem Schutz des kulturhistorischen Erbes bedeuten kann.

Vor diesem Hintergrund ist es das Ziel des INTERREG-Forschungsvorhabens, die Voraussetzungen für die naturschonende Nutzung des natürlichen wie auch des touristischen Potenzials des Böhmischen Waldes und des angrenzenden Gebiets des Oberpfälzer Waldes zu schaffen. Dabei kommt es darauf an, die wichtigen natur- und kulturhistorischen Werte zu erkennen, deren touristisches Potenzial zu definieren und daraus konzeptionelle Schritte zum Schutz dieser Werte zu entwickeln.

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Abb. 1: Das Untersuchungsgebiet beidseits der CZ-BY Grenze. Tiefergehende Analysen wurden im engeren Untersuchungsgebiet mit~10 km Puffer von beiden Seiten durchgeführt (Quelle: HSWT, Institut für Ökologie und Landschaft)

Als informelles Schlüsselinstrument soll ein grenzüberschreitendes Gebietskonzept mit anwendungsorientierten Kartenwerken erstellt werden, das als Grundlage zur anschließenden Nutzung in breiter Partnerschaft der Behörden und der lokalen Akteure dient. Das Ziel des Konzepts ist somit nicht der Ausbau der touristischen Infrastruktur, sondern die frühzeitige naturverträgliche Steuerung sich abzeichnender Konflikte zwischen Naturschutz und Tourismus.
Das Untersuchungsgebiet zieht sich 200 km entlang der tschechisch-bayerischen Grenze hin und umfasst auf der BY Seite ca. 1360 km2, auf der CZ Seite ca. 1110 km2. In diesem engeren Untersuchungsgebiet in einer Pufferzone von ca. 10 km beiderseits der Grenze wurden die tiefergehenden Analysen durchgeführt. Im breiteren Sinne umfasst das Untersuchungsgebiet drei Naturparke auf der BY Seite (Nördlicher Oberpfälzer Wald, Oberpfälzer Wald und Oberer Bayerischer Wald) sowie auf der CZ Seite das Landschaftsschutzgebiet Böhmischer Wald (siehe Abbildung 1).

Vorgehensweise

Abbildung 2 stellt die Vorgehensweise des Forschungsvorhabens in drei wichtigen Etappen dar:

  1. Synthese: Einleitende Ermittlung der Naturwerte und Probleme des Projektgebiets sowie Synthese der abweichenden methodischen Auffassungen. Ziel ist die Erstellung eines Kartenmaterials (GIS) mit Identifizierung und gemeinsamer Klassifizierung der Naturschutzgegenstände zwecks gemeinsamen Managements im Projektgebiet.
  2. Grenzüberschreitendes Gebietskonzept: Das zweite Arbeitspaket fokussiert sich auf das Thema Tourismus inklusive Bestandsaufnahme, Entwicklungspotenzial und Konflikte mit den Belangen des Naturschutzes. Es sollen die Bereiche mit dem größten Konfliktpotenzial (durch die Überlastung der touristischen Infrastruktur, Erneuerung der Wüstungen, Verkehr, Entwicklung der Siedlungen) identifiziert werden. Als Hauptergebnis soll ein gemeinsames Konzeptdokument für das Gebiet erstellt werden.
  3. Kommunikationsstrategie: Präsentation der Werte des Projektgebietes an die lokalen Akteure, die einen Einfluss auf die Weiterentwicklung des Zielgebietes haben, wie auch die Vorstellung des Gebietes bei den Besuchern.
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Abb. 2: Arbeitspakete und Aktivitäten im Forschungsvorhaben (Quelle: HSWT, Institut für Ökologie und Landschaft)

Ergebnisse

Aktuell wird im Forschungsvorhaben an dem Gebietskonzept sowie an den folgenden Kartenwerken (Maßstab 1:100.000) gearbeitet:

  • Natur- und Landschaftswerte: mit dem Ziel, ein harmonisiertes (BY-CZ) Bewertungssystem und gemeinsames Kartenwerk über grenzüberschreitend bedeutsame und empfindliche Landschafts- und Naturräume zu entwickeln.
  • Touristische Infrastruktur – Bestandsanalyse
  • Touristische Ausgangspunkte: Aggregation touristisch relevanter Ausgangspunkte, deren Ausstattung dazu notwendig ist, um ins Gebiet zu gelangen und/oder dort zu verweilen.
  • Touristische Anziehungspunkte: die bedeutendsten kulturellen, historischen, natürlichen und infrastrukturellen Attraktionen mit großem Erholungspotenzial sowie regionaler und überregionaler Bedeutung. Touristische Anziehungspunkte dienen als Zielorte von touristischen Attraktivitäten.
  • Schwerpunkträume natur- und kulturbezogener Erholung: Bereiche/Naturräume, in denen die Attraktivität mit einer Bedeutung von kulturhistorischem und/oder natürlichem Interesse konzentriert ist. Diese Schwerpunkträume repräsentieren eine Häufung von touristischen Anziehungspunkten bzw. lokal bedeutenden Strukturelementen.
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Abb. 3 und Ausschnitt rechts: Typisches Foto aus dem Projektgebiet; im Vordergrund die Ortschaft Ast, im Mittelgrund Waldmünchen, im Hintergrund das Grenzgebirge mit dem Čerchov (1042m NN), dem höchsten Berg des Oberpfälzer Waldes (Bildautorin: Ursula Blum 2014)

Die o. g. Kartenwerke wurden im Rahmen eines Fachseminars am 21. März 2019 in Schönsee (Centrum Bavaria Bohemia) den Vertretern des Naturschutzes (Naturparke, BUND, UNB) sowie Vertretern des Tourismus (Tourismusverbände, Tourismuszentren) im Untersuchungsgebiet präsentiert. Die methodische Herangehensweise wurde im Rahmen des Workshops dargestellt und diskutiert. Hierzu war es essentiell, das lokale Wissen der Vertreter zu integrieren sowie deren Präferenzen zu den Kartendarstellungen aufzunehmen.

Publikationen

Schrapp (geb. Szücs), L.; Tobisch, C.; Schroth, O.; Blum, P. (2019): Qualität und Nutzbarkeit von OSM-Daten für landschaftsplanerische Fragestellungen. gis.Science 32 (3), S.77-86 32 (3), S.77-86.
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Die Auswahl und Verfügbarkeit offener Geodaten, d. h. Geodaten, die frei genutzt, weiterverbreitet und weiterverwendet werden dürfen, nimmt stetig zu. Die bekannteste auf offene Geodaten spezialisierte Initiative ist das OpenStreetMap(OSM)-Projekt. Offenen Geodaten werden in vielen Bereichen der Wirtschaft und Wissenschaft großes Potenzial zugeschrieben. Diese Veröffentlichung – basierend auf dem Forschungsprojekt „Grenzüberschreitendes Konzept für Naturschutz und Naturerlebnis im Gebiet des Böhmischen Walds und der Oberpfalz“ – soll Möglichkeiten und Einschränkungen offener Geodaten am Beispiel von OSM für planungs- und tourismusbezogene Fragestellungen näher untersuchen und kritisch bewerten. Eine wichtige Frage stellt dabei die Qualität offener Geodaten dar, die von Laien erhoben wurden. Für diese Fragestellung wurde eine Methode entwickelt, wie sich Vollständigkeit (completeness) und Korrektheit (correctness) von OSM-Daten mit öffentlichen Daten systematisch vergleichen lassen. Die Anwendung dieser Methode auf drei linienbasierte Nutzungskategorien (Radwege, Wanderwege, „Skiwege“) zeigt für das Fallbeispiel Cham einen hohen Korrektheitsgrad (80-90 %) und einen relativ niedrigen Vollständigkeitsgrad (5-35 %). Infolge von Lücken und Inkonsistenzen bei der Attribuierung werden weitere Optimierungsmöglichkeiten aufgelistet sowie die Anwendung von OSM-Daten für tourismusbezogene Fragestellungen diskutiert.

Presseberichte und Medienbeiträge

Pressebericht, .; Reinke, M.; Blum, P.; Schrapp (geb. Szücs), L. (2020): Naturschutz und Tourismus sinnvoll vereinen: Ergebnisse eines grenzüberschreitenden Forschungsprojekts zwischen Bayern und Tschechien. Internetseite der Regierung der Oberpfalz zur Regionalkooperation Oberpfalz und Region Pilsen, Aktuelles, abgerufen am 16.04.2020.
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Newsmeldung HSWT, .; Reinke, M.; Blum, P.; Schrapp (geb. Szücs), L. (2020): Naturschutz und Tourismus sinnvoll vereinen: Ergebnisse eines grenzüberschreitenden Forschungsprojekts zwischen Bayern und Tschechien. Forschungs-News HSWT, 09.04.2020.
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Pressebericht, .; Reinke, M.; Schrapp (geb. Szücs), L.; Blum, P. (2020): Naturschutz und Tourismus sinnvoll vereinen - Ergebnisse eines grenzüberschreitenden Forschungsprojekts zwischen Bayern und Tschechien. Internetseiten des Centrum Bavaria Bohemia (CeBB), News-Meldung vom 25.03.2020 aufgrund einer Pressemitteilung der HSWT.
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Newsmeldung HSWT, .; Reinke, M.; Blum, P.; Schrapp (geb. Szücs), L. (2020): Ein Forschungsprojekt der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf zeigt Wege zu grenzüberschreitendem Naturschutz und Naturerlebnis zwischen Bayern und Tschechien auf. Forschungs-News HSWT, 27.02.2020.
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