Phänotypische und Genotypische Bearbeitung des Merkmals Wollfeinheit beim Merinolandschaf, Implementierung einer Qualitätssicherung bei Schur und Sortierung

Erfolgsfaktoren und Potentiale für die Inwertsetzung süddeutscher Schafwolle:

Züchterische Bearbeitung des Merkmals Wollfeinheit, Entwicklung und Einführung einer Qualitätssicherung bei Schur und Sortierung von Wolle

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Gescheitelter Wollstapel eines jungen Zuchtschafes (Bild: HSWT)

Einleitung und Problemstellung

Die Schafzucht und -haltung in Bayern und Baden-Württemberg ist von jeher von wichtiger wirtschaftlicher, aber auch agrarkultureller Bedeutung. Zu Beginn bzw. am Höhepunkt der tierzüchterischen Aktivitäten von den 1780er Jahren bis Mitte des 19. Jahrhunderts stand insbesondere die Wollmenge und Wollqualität der Merinolandschafe neben weiteren funktionalen Merkmalen wie Gesundheit, Robustheit, Aufzuchtleistung, Weide- und Pferchfähigkeit der Tiere im Zentrum der tierzüchterischen Aktivitäten.

Mit dem Verlust der Wertschätzung und somit der Wertschöpfung für die Wollleistung der Tiere seit Mitte des 20. Jahrhunderts wurde insbesondere die Fleischqualität und die Fleischmenge in den Fokus der tierzüchterischen Aktivitäten genommen, was sich an den gut aufgestellten Prüfungsanstalten für Mast- und Schlachtleistung in Grub und Marbach - St. Johann wiederspiegelte. Gleichzeitig wurde aber auch die Wolle nie ganz aus den Augen verloren, so wird zumindest bei den Leistungsschauen bzw. Eliteversteigerungen und für die Aufnahme der Tiere in das Herdbuch immer noch die Wollnote (FLAK= Farbe, Länge, Ausgeglichenheit, Kräuselung) erhoben. Darüber hinaus nimmt die Schäferei eine wichtige Funktion in der Natur- und Landschaftspflege ein, diese Dienstleistungen werden über staatliche Ausgleichsleistungen honoriert und stellen mittlerweile bei den meisten Schäfereibetrieben den Großteil der Betriebseinkommen dar.

Die eigentliche Wollerzeugung bzw. Wolle als Wertschöpfungsfaktor war spätestens mit der Insolvenz der Süddeutschen Wollverwertung, Neu-Ulm, Ende der Neunziger Jahre vorbei.

Die hochwertigen Merino-Wollen werden heute in Australien (88%), Neuseeland (4%), Südafrika (4%) und Argentinien (4%) erzeugt und gehandelt (Statista, 2021) – Ironie der Geschichte: zum guten Teil auf Basis von Zuchttieren aus Süddeutschland. Hochwertige feine Wolle wird derzeit in Übersee für ca. 16 € je kg gehandelt. 14 D-Mark gab es auch noch Anfang der fünfziger Jahre von der süddeutschen Wollverwertung, Anfang der sechziger Jahre nur noch 3 € je kg Schweißwolle (Ruth Häck, 2021). Aktuell werden in Süddeutschland für die Wolle unsortiert ca. 40-80 Cent je kg über den privaten Wollhandel bezahlt. Ein wichtiges Ergebnis des Projekts "Erfolgsfaktoren und Potentiale für die lnwertsetzung süddeutscher Schafwolle" war jedoch, dass viele namhafte nationale Textilverarbeiter gerne bereit wären, weitaus höhere Preise für regionale Wolle zu bezahlen, sofern eine strukturierte Angebotsseite mit definierten Qualitäten, insbesondere auch mit feineren Wollen, zur Verfügung stände. Gerade die Regionalität mit hohen Prozessqualitäten nimmt eine immer wichtigere Rolle ein und birgt dadurch Potential für starke regionale Wertschöpfungsketten.

Über viele Generationen hinweg lebten die Schäferfamilien vom Wollertrag, und der Wert eines Schafes definierte sich über die Wolle, die es auf seinem Rücken trug. Neben den vorzüglichen Textileigenschaften, also der Produktqualität, rücken zunehmend auch Aspekte der Prozessqualität in das gesellschaftliche Bewusstsein. Wolle, im Optimalfall regional erzeugt und verarbeitet, verfügt als nachwachsender Rohstoff über eine sehr gute Umwelt-­ und Klimabilanz. Gleichzeitig werden sehr viele Sekundärleistungen über die Wolle im Bereich Natur- und Landschaftspflege erbracht. Als 'Artentaxi' werden Samen und Insekten in der Wolle zwischen den Flächen ausgetauscht und Biotope somit vernetzt. Alles in allem sind dies wieder genügend Gründe, die züchterische Bearbeitung von Wolle aufgrund der erneuten gesellschaftliche Wertschätzung sowohl textiltechnisch, aber auch umweltassoziiert mehr in den Blick zu nehmen.

Vorgehensweise

Arbeitspaket 1

In Arbeitspaket 1 wird ein subjektiver Zuchtwert "Wollfeinheit" auf Basis von Messwerten etabliert. Dieser beinhaltet neben der Wollfeinheit auch die Kräuselung der Wolle, die Ausgeglichenheit dieser beiden Werte und die Stapellänge. Neben einer umfangreichen Literaturstudie zum Wissensstand und den Zuchtpraktiken in den einschlägigen Ländern werden Herdbuch-Zuchttiere der Rasse Merinolandschaf in Bayern und Baden-Württemberg beprobt. Von ca. 1.500 männlichen und weiblichen Tieren pro Jahr werden direkt vor der zweiten Schur Wollproben genommen. Von etwa 1.000 Schafen werden bei der Herdbuchaufnahme der weiblichen Tiere bzw. bei der Körung der Böcke Wollproben genommen. Zusätzlich werden von ca. 500 älteren Schafen Wollproben genommen. So kann neben dem errechneten Zuchtwert auch eine Abhängigkeit der Wollparameter vom Geschlecht und Alter der Tiere ermittelt werden. Zur Berechnung der konventionellen Zuchtwerte wird mit der VIT zusammengearbeitet, um über das online Herdbuch für Schafe in Deutschland die Pedigreedaten der Tiere einzusehen.

Arbeitspaket 2

Das zweite Arbeitspaket beinhaltet die Erstellung einer Lernstichprobe für einen genomischen Zuchtwert der Wollfeinheit. Hierfür werden insgesamt 500 männlichen und weiblichen der fast 8.700 Merinolandschaf-Herdbuchtiere in Süddeutschland (Bayern und Baden-Württemberg) Haarwurzelproben entnommen und mittels 50K-SNP-Chip genotypisiert. Mittels dieser Genotypen, der Phänotypen aus Arbeitspaket 1 und der Pedigreedaten kann eine Lernstichpobe erstellt und validiert werden. Somit könnte die züchterische Bearbeitung nochmal deutlich beschleunigt und in Folge dessen auch verbilligt werden. Die genomische Selektion in der Schafzucht ist in Deutschland noch absolutes Neuland und die Genotypen könnten im Anschluss auch für die Erstellung weiterer genomischer Zuchtwerte genutzt werden.

Arbeitspaket 3

Um langfristigen Zuchtfortschritt in den betrachteten Woll- bzw. Vliesqualitätsmerkmalen zu erzielen, ist die Implementierung dieser Merkmale in das bestehende Zuchtprogramm zu prüfen. Ein erster Schritt können Empfehlungen zur gezielten Anpaarung geprüfter männlicher und weiblicher Tiere sein. Ebenfalls ist hier zu analysieren, inwieweit der Import von genetischem Material (Sperma) z. B. von Merinolandschafen aus (Südafrika) den Zuchtfortschritt beschleunigen würde. Diese Aspekte können in einer Nutzwertanalyse unter Zuhilfenahme geeigneter Instrumente (ZPlan+) berechnet werden und müssen auch fachlich korrekt abgewogen sein (Aspekte Tierwohl, Biosicherheit usw.).

Arbeitspaket 4

Neben der tierzüchterischen Verbesserung der Wollfeinheit ist auch die sorgfältige, tiergerechte Schur und Sortierung entscheidend für das, was am Ende im Wollsack angedient bzw. verkauft wird. Deshalb sind die Entwicklung und Etablierung von Standards für eine qualitätsgesicherte Schur und Sortierung der vierte Baustein des Promotionsvorhabens. Es werden Workshops mit Zertifikaten für Helfer:innen zur Wollsortierung bei der Schur gegeben, die für ein gemeinschaftliches Marketing unter der Marke Locwool zur Voraussetzung werden können.

Zukunftsaussichten

Im Projekt werden verschiedene Werkzeuge für die Zucht der süddeutschen Schafe auf subjektive Wollparameter erprobt. Die Analysen und die Zuchtwertschätzung können in Zukunft auf alle Merinolandschafe in Deutschland ausgeweitet werden. Diese Werkzeuge stehen dann den Zuchtverbänden zur Verfügung, um auf feinwollige ausgeglichene Vliese zu züchten und den Marktanforderungen noch besser gerecht zu werden. Die genomische Selektion könnte in Zukunft auch auf weiterere Merkmale angewendet werden. Auch weitere Schafrassen können von den Ergebnissen des Projektes profitieren und in Zukunft einen Zuchtwert "Wollfeinheit" etablieren oder in die genomische Selektion einsteigen.